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Fokus
7/8.2010


 Die Bild-Arrangements und Installationen von Sladjan Nedelj­kovic erzählen von einem ambivalenten emotionalen Verhältnis gegenüber Bildern, dem Pendeln zwischen Faszination und Misstrauen. Dabei lotet der Künstler das semantische Potenzial sowie die vielschichtigen Mechanismen von Bildproduktion und -rezeption aus. Dies klingt zunächst eher trocken, doch seine Analysen führen zu überraschenden Erkenntnissen. Im Kunsthaus Zug tritt er nun gleichzeitig als Künstler wie als Kurator auf. Dies bot Anlass zu einem Gespräch.


Sladjan Nedeljkovic - Sichtbarem auf den Grund gehen


von: Irene Müller

  
links: Sladjan Nedeljkovic · Konstellationen, 2009, Zeitungsbilder, Fotokopien, Computerprints, Postkarten und Fotos auf Wellkarton (Detail)
rechts: Sladjan Nedeljkovic · Konstellationen, 2007, Zeitungsbilder, Fotokopien, Computerprints, Postkarten und Fotos auf Wellkarton (Detail)


Müller: Im Kunsthaus Zug zeigst du nicht nur eigene Arbeiten, sondern realisierst auch ein kuratorisches Projekt mit dem Titel «Blick auf die Sammlung».

Nedeljkovic: Mein Interesse an verschiedenen Formen von Bildern schliesst das Sammeln und Präsentieren mit ein. Ich habe fotografische Arbeiten der letzten sechzig Jahre aus der Sammlung ausgewählt und diese werden nun in drei kleineren Räumen gezeigt. Bei der Zusammenstellung gehe ich ähnlich vor wie bei meiner Werkgruppe der «Konstellationen», in der ich verschiedenartiges Bildmaterial wie Zeitungsbilder, ausgedruckte Bilder aus dem Internet, gefundene und eigene Fotografien zu einer Art Tableau arrangiere. Eine Herausforderung ist natürlich der Status dieser Fotografien aus der Sammlung, aufgrund ihres Stellenwerts als «Kunstwerke» sind sie bestimmten Beschränkungen unterworfen.

Müller: Bei den «Konstellationen» spielen neben dem Bildmaterial an sich auch die Verbindungen zwischen den einzelnen Elementen eine Rolle. Könnte man sagen, dass es letztlich um die produktiven Leerstellen geht, die zwischen den Bildern entstehen?

Hypothetische Erzählungen
Nedeljkovic: Ja. Diese Arbeiten entwickeln sich in einem mehrschichtigen Prozess, der mit dem Sammeln von Bildern beginnt. In diesem Moment sind alle Dokumente noch gleichberechtigt, liegen quasi wertfrei und zusammenhangslos nebeneinander. Mit der Auswahl und Gruppierung beginnt dann eine Relektüre der Bilder, ihrer verschiedenen semantischen und visuellen Qualitäten. Bei digitalem Material greife ich auch oft in die Struktur ein, verändere Format oder Kontrast, verwende verschiedenartige Bildträger, z.B. kariertes Papier. Damit möchte ich unterstreichen, dass gerade fotografische Bilder immer einen subjektiven Blick in sich tragen, sie lassen sich drehen, verzerren und manipulieren. Während der Arbeit an den «Konstellationen» pendle ich dann zwischen dem Verfolgen einer «thematischen» Spur und ganz intuitiven Entscheidungen. Welche Bilder «passen» zueinander? Was geschieht, wenn man einzelne Elemente der Konstellation verschiebt, an einen anderen Platz stellt? Und was braucht es, damit ein spannungsvolles Nebeneinander entsteht, das nicht eine verbindliche Narration formt, sondern hypothetische Erzählungen, die einander auch überlagern oder durchdringen.

Müller: Die Montage mit Stecknadeln suggeriert etwas Provisorisches oder Fragmentarisches. Trotzdem haben diese Bildtafeln einen Rahmen.

Nedeljkovic: Indem die Arbeiten als offene Bezugssysteme konzipiert sind, stellen sie für das Publikum auch immer ein «unsicheres Terrain» dar; das individuelle Bildgedächtnis und Assoziationsvermögen, die Kreativität beim Sehen sind wesentliche Faktoren der Lektüre. Der Rahmen begrenzt das Bildfeld und trennt zugleich die Arbeiten voneinander, er stellt nicht nur formal-ästhetisch ein zusammenfassendes Element dar.

Müller: Bisher trugen alle Werke der Gruppe den Titel «Konstellationen». Den neuesten Arbeiten hast du jetzt zusätzliche Begriffe beigefügt - um sie inhaltlich zu festigen?

Nedeljkovic: Mit «Ein Platz» habe ich 2008 für eine Ausstellung am Platz der Vereinten Nationen in Berlin eine ortsspezifisch angelegte Version der «Konstellationen» entwickelt. Dabei ist mir sehr deutlich geworden, wie stark ich mit Text - in Form eines Titels oder weiterführenden Informationen - die assoziativen Referenzen steuern oder auch verunklären kann. Ich arbeite sehr oft mit Bildern, die in ein Informationssystem eingebunden oder auf ein Bild-Text-Verhältnis hin angelegt sind. Arbeiten wie «o.T. (Where the truth lies)», «o.T. (Globus)», 2007, und «o.T. (Covering)», 2009, untersuchen dieses kalkulierte Zusammenspiel, indem jeweils ein Part der «Informationseinheit» weggeschnitten oder überdeckt ist.

Untiefen in der Wahrnehmung
Müller: Diese Haltung spüre ich auch in deinen Videoarbeiten, welche die Grenzen zwischen medialem Aktionsraum und Realität, Informationsgehalt und Suggestion befragen. Hier kommt der sprachlichen Ebene ein zentraler Stellenwert zu, in Form von Off-Kommentaren, Voice-Over oder Textbildern.

Nedeljkovic: Stehende oder bewegte Bilder spielen sich auf einer anderen (Wahrnehmungs-)Ebene ab als Sprache - sie positionieren sich auf einer Oberfläche. Bewegte Bilder haben eine andere Tiefe, sie besitzen eine Dauer, in der sich etwas entwickeln kann. In Videos wie «Im Kino», 2005, hat es mich interessiert, in einem explizit zeitbasierten Medium diesen verschiedenen Geschwindigkeiten und den damit verbundenen Rezeptionsformen nachzugehen. Bild, Ton und Text «erzählen» Unterschiedliches, folgen individuellen Rhythmen, driften auseinander, berühren einander punktuell. Die Montagen führen in die Irre und fordern heraus, das Angedeutete und Unzusammenhängende zu ergänzen.

Müller: In deiner neuesten Arbeit greifst du zwar auf das Akustische zurück, zugleich zeichnet sich eine Verlagerung in Richtung räumlicher, installativer Formen ab. Verlässt du jetzt dein «angestammtes» Untersuchungsfeld?

Nedeljkovic: Vermutlich stehe ich an einem ähnlichen Punkt wie vor einigen Jahren, als ich die Videoprojekte «abgeschlossen» habe. Es hatten sich Wiederholungen eingeschlichen, ich hatte das Gefühl, meine Fragen in diesem Medium ausgereizt zu haben. Genauso verhält es sich jetzt mit den «Konstellationen». In der konkreten Beschäftigung mit den Bildern eine Pause einzulegen, sie loszulassen, bedeutet nicht, dass die dahinterliegenden Aspekte keine Rolle mehr in meiner Arbeit spielen. Es hat sich vielmehr der Fokus verlagert, weg vom rein Visuellen hin zu auditiven und körperlichen Wahrnehmungsformen.

Müller: Wie äussert sich das in dieser Arbeit?

Nedeljkovic: Die Installation in Zug basiert auf einer Serie von kleinen architektonischen Gebilden, gewissermassen Konstellationen von geometrischen Grundformen, die ich vor einigen Jahren begonnen habe. Ich werde eines dieser Modelle im Massstab 1:1 umsetzen, die polygonale begehbare Struktur ähnelt einer Raumkapsel oder einem futuristischen Labor; momentan trägt die Arbeit auch den Titel «Station». Der Ton, eine Kombination aus Stimmen und atmosphärischen Hintergrundgeräuschen, unterstreicht diese Lesart, führt aber zugleich den Aspekt der Kommunikation ins Absurde. Es ist nämlich unklar, ob der Ton dazu dient, Informationen zu verbreiten oder die Kommunikation zu stören - es könnte beides sein. Letztlich manifestiert sich in der Installation eine Instanz, welche die Macht der Rede, der Artikulation für sich postuliert - und zwar aufgrund der architektonischen Anlage und des Raumes, den sie auch akustisch einnimmt. Innerhalb unseres Gesellschaftssystems etablieren sich unterschiedliche Machtgefüge. Bilder, im übertragenen Sinn sichtbare Zeugnisse, sind eines der Mittel, diese Verhältnisse zu etablieren und aufrechtzuerhalten. Ich möchte in meinen neuen Arbeiten Szenarien entwerfen, die unsere Denk-, Seh- und Wahrnehmungsmuster herausfordern, testen und verändern. Arbeiten, welche die Betrachter/innen auf eine gewisse Weise teilnehmen lassen und die dennoch so offen sind, dass sie darin eigene Fiktionen entwickeln können.

Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin, lebt in Zürich.


Bis: 29.08.2010


Künstlerbuch mit begleitendem Textheft, Revolver, Berlin; Ausstellungsrundgang mit Sladjan Nedeljkovic und Matthias Haldemann

Sladjan Nedeljkovic (*1969, Zemun, Serbien), lebt in Berlin

1993-94 Schule für Gestaltung, Luzern‚
1994-98 Ecole supérieure d'art visuel, Genf‚
2001-02 Goldsmiths College, London (MA in Fine Art)



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Ausgabe 7/8  2010
Ausstellungen Sladjan Nedeljkovic [04.07.10-29.08.10]
Institutionen Kunsthaus Zug [Zug/Schweiz]
Autor/in Irene Müller
Künstler/in Sladjan Nedeljkovic
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