Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
7/8.2010


 Papier und Textilien sind einander wesenhaft verwandt. Warum also nicht nach den Potenzialen des Werkstoffs Papier für die Mode fragen? Die Ausstellung «Pap(i)er Fashion!» im Museum Bellerive fächert zurzeit ein breites Spektrum von Ansätzen und Gestaltungsmöglichkeiten auf.


Paperfashion - Papier macht Mode


von: Verena Kuni

  
Robert Wilson · Lisa, 2007, Papierkleid im Auftrag von ATOPOS ©The Byrd Hoffman Watermill Foundation Harry Gordon · The Eye, 1968, Posterkleid. Foto: Panos Davios


Papier und Textilien: Beide sind aus Fasern gewirkt, beide können leicht oder schwer, fragil oder stabil, grob oder zart daherkommen; beide lassen sich glätten oder falten, nähen oder kleben, reissen oder schneiden, färben oder bedrucken. In den Swinging Sixties war es zunächst die Papierindustrie, welche die Möglichkeiten erkannte und nach vorn preschte: Das «Wegwerf-Kleid», das «Scott Paper Manufacturers» zu Werbezwecken auf den Markt brachte, machte rasch Furore. Es passte perfekt in die Zeit von Op und Pop - und traf den Nerv einer Zeit, in der es nicht nur Design für alle geben sollte, sondern auch das Prinzip des «Ex und Hopp»-Konsums fröhlich Konjunktur feierte.
Wenn sich heute Mode-Designer/innen mit Papier befassen, geht es eher in die entgegengesetzte Richtung: Das Nachdenken über Rohstoffknappheit führte Issey Miyake - der einst seine Faltenwürfe vom Papier auf Stoff übertrug - 2008 dazu, eine Serie von Prototypen für «Pleats Paper Dresses» zu entwerfen; die belgische Textildesignerin Diane Steverlynck hat sich damit beschäftigt, wie aus Altpapier-Karton einfache Decken gefertigt werden können; Martin Margiela liess aus Tausenden von Papierkügelchen eine prächtige Fuchs-Stola fertigen, die Pelz-Liebhaberinnen auch modisch in den Schatten stellt. Neben Garne aus Altpapier treten neue, synthetische Werkstoffe wie das Papier-Qualitäten simulierende Tyvek, mit dem sich fusselfreie, stabile Kleider fertigen lassen - und Designer/innen wie die in Genf und Montréal beheimatete Ying Gao, die unlängst ihre auf Umweltreize reagierenden, «atmenden» Papierkleider im Basler [plug.in] präsentierte, bringen die neuen Materialien zudem mit neuer Technologie zusammen; andere, wie die Zürcherin Ida Gut, entdecken traditionelle asiatische Fertigungstechniken.
Tatsächlich hat auch das «Wegwerfkleid» eine Wiederauflage erfahren - allerdings werden weder Hussein Chalayans «Airmail Dress», 1999, im schlichten Schnitt der A-Linie aus haltbarem Tyvek, noch die bunten Party-Kleidchen, die Walter Van Beirendoncks und Dirk Van Saene für La Redoute entwarfen, im Abfall landen. Schaut man auf die Vielfalt der Mode-Entwürfe aus Papier heisst es in jedem Fall: Augen auf, wann immer es raschelt und knistert. Zugleich bleibt wohl weiterhin offen, ob es Papierkleider jenseits von Maler-Overalls wieder auf die Strasse schaffen. Die Haute Couture der «Paper Fashion» schauen wir derweil im Museum an.

Verena Kuni, Kunst-, Medien- und Kulturwissenschaftlerin, lehrt Visuelle Kultur am Institut für Kunstpäda-
gogik der Goethe-Universität Frankfurt/M.


Bis: 01.08.2010


‹Pap(i)er Fashion!›, Museum Bellerive Zürich (in Zusammenarbeit mit der ATOPOS Foundation, Athen)



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2010
Ausstellungen Pap(i)er Fashion [30.04.10-01.08.10]
Institutionen Museum Bellerive [Zürich/Schweiz]
Autor/in Verena Kuni
Link http://www.atopos.gr
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=100628093821OAN-4
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.