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Fokus
7/8.2010


 Das diesjährige «Autorenspektakel» am Stadttheater Bern hat den gewohnten Ablauf einer Inszenierung aus der Perspektive des Theaters umgedreht: Für einmal stehen die plastischen Arbeiten nicht als Kulisse am Schluss einer Produktion, vielmehr werden sie selber zum Auslöser von drei in ihrem Ansatz sehr unterschiedlichen szenischen Ereignissen.


Andres Lutz & Anders Guggisberg - Ein dreifaches Zuspiel


von: Hans Rudolf Reust

  
Lutz & Guggisberg · Meiler, Hauben und Globen, 2010, Rauminstallation in den Vidmarhallen des Stadttheaters Bern @ ProLitteris. Foto: Lutz & Guggisberg


Visuelle Kunst kennt eine lange Beziehung zum Bühnenspiel, zu Narration und Handlung. Die neokultischen Aktionen von Joseph Beuys mit ihren plastischen Requisiten oder die Choreografien von Matthew Barney in bizarren Dekors übernehmen Elemente des Theaters in die Kunst. Bei Andrea Frazer oder Tino Sehgal werden rhetorische Momente von Theater allein zu Kunst. In diese Tradition reiht sich das vom Stadttheater Bern realisierte ‹Autorenspektakel› als ein im deutschsprachigen Raum einzigartiges Kooperationsprojekt zwischen bildenden Künstlern, Autoren, Regisseuren und Musikperformern ein.

Andres Lutz (*1968) und Anders Guggisberg (*1966) wurden vom Dramaturgen Erik Altorfer eingeladen, eine plastische Inszenierung zu skizzieren, auf deren Zuspiel hin die Lausanner Performance-Gruppe Velma das klangliche Geschehen ‹Pastiche›, Jens Nielsen und Antje Thoms das Stück ‹Mupf & Söhne› sowie die Autoren Raphael Urweider und Samuel Schwarz ihre Godard-Paraphrase ‹1:1› entwarfen, je eine einstündige Produktion. Genau genommen stand am Anfang nicht die fertige Installation, sondern ein Text und wenige Prototypen von Objekten der beiden Künstler. Bei den Proben trafen dann die Stückentwürfe auf ein an den Enden wie in seinem labyrinthischen Inneren offenes Environment: In einem leicht schräg zu den Zuschauerreihen aufgestellten Raster stehen Reihen von modular verschiebbaren Units, die stets aus einem kubischen Sockel im Grundriss von Europaletten und einer offenen oder mit halbtransparentem Plastik verschliessbaren Haube bestehen. Darin eingelagert, wie in Schneewittchens Glassarg, liegen plastische Formen: Klumpen, Knödel, Buckel, eine Kugel, Hinkelsteine oder Nester für Megaeier aus Sagex mit Gipsbeschichtungen, mit angelagerten oder eingebauten Elementen von weidengeflochtenen Katzenkörbchen oder Resten von Maschendraht aus dem Hühnerhof.

Kein Material bleibt hier neutral, aber gleichzeitig lässt sich auch keines eindeutig konnotieren. Im wechselnden Scheinwerferlicht hätte man sie leicht auch einfach für weiss halten können. Doch bietet sich in den Pausen die Gelegenheit, die vielfältig bearbeitenen Oberflächen aus der Nähe zu betrachten: Schlieren, Tropfendes, feinste Farbverläufe in Dispersion und Lack, dazwischen harte Materialwechsel. Der stöbernde Blick irrt durch ein Depot oder eine unsortierte Anlieferung von Überresten aus Grabungen in einer sich erst noch entwickelnden Kultur: «Sind es Eier? Von Riesenameisen gelegt? Bienenstöcke? … Sind es nicht vielmehr hinduistische Lingams, die an die ‹Formlosigkeit des Göttlichen› (Wikipedia) erinnern? … Es könnte auch etwas Druidenmässiges sein, eine Art Keltenstele, einstmals mit scharfgekerbten Schriftzeichen übersät, aber nach dreitausend Jahren schottischem Regen und Abrieb nunmehr nurmehr ein tumber Restdaumen im Museum von Edinburgh oder Riedberg? Oder ist es Kunst – Hybride aus Hans Arp, Brancusi und Colani?» (Lutz/Guggisberg). Die Frage nach Kunst oder Fetisch ist eine unechte Alternative und für einmal nicht in musealen Kategorien zu beantworten. Die veränderte Ausgangslage veränderte auch das Verständnis von Kunst in mindestens dreifacher Hinsicht.

Wandelbare Raumdramaturgie

Indem die Objekte und ihre Installation nicht für eine rein visuelle Wahrnehmung entwickelt werden – bitte nicht berühren! – sondern im Hinblick auf ein mögliches Geschehen, bricht die strukturierte Zeit schon vor der Anlagerung auf einer Bühne als unberechenbarer Widerstand in den Produktionsprozess der Kunst ein. Während der Proben fordern dann die drei szenischen Zuspiele ständige Veränderungen an der plastischen Gestalt. Grundlegende Fragen zur Aufstellung, zu Bodenbelag, Licht oder Verpackung, zu Ein- und Übergriffen auf die Objekte führen im Dialog mit den beiden Künstlern zu mehrfacher Überformung der Vorgaben. Dabei lässt sich die Rolle des Plastischen von Klang, Rede und Verrichtungen allmählich nicht mehr scharf trennen. So erscheinen das singende Aufdröseln von Handlung, Klang und Raum im ersten Stück der Gruppe Velma oder Godards filmische Brechungen im rasanten Porträt der Rockband Stones immer stärker als 1:1-Entsprechungen der sich mehrfach ordnenden oder auflösenden räumlichen Partitur. Das Experiment zeigte, was in Bern schon seit Jahren in transdisziplinären Projekten an der Hochschule der Künste manifest wird: Dass das Zuspiel zwischen Musik, Theater, Literatur und Fine Arts dann gelingt, wenn es nicht additiv oder illustrativ geschieht, sondern alle Beteiligten in einer strukturell offenen Partitur souverän aufeinander zugehen. In diesem Sinne war die Godard-Paraphrase auch more : more.
Eine weitere Veränderung erfahren die plastischen Partikel, wenn sie nun doch noch in den Kunstkontext eingehen: bei der Weiterreise ins Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam. Dort werden sie noch einmal anders gefordert sein. Vermutlich dürfte ein hybrides Szenario entstehen, das die stille selbstgeleitete Bewegung des Blicks mit der räumlich vorgezeichneten Performance der Betrachtenden verbindet. Lutz & Guggisberg sind mit ihrer eigenen Raumdramaturgie stets zwischen entlegenen Welten unterwegs. Ihre bühnenreifen Wurzel-Götzen und Sitz-Fetische aus Bern waren schon einmal im gespenstischen Licht eines Seitenkabinetts des Centre culturel Suisse in Paris zu sehen. Überraschend umso mehr, dass das theatralische Potenzial der burlesken Sinn-Karambolagen bei ihrem Zuspiel an die Bühne nicht strapaziert wird, sondern eine Wendung zum Minimalen erfährt. Ein neuer Ton ist angeschlagen, Unausgesprochenes, leise Latenz, die Spannung weckt auf Rotterdam.

Hans Rudolf Reust, Dozent HKB Bern, Präsident der Eidgenössischen Kunstkommission


Bis: 14.11.2010


Lutz & Guggisberg im Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, bis 14.11.
(Gruppenausstellung), Kunsthalle Bern, bis 18.7.



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Ausgabe 7/8  2010
Ausstellungen Animism [15.05.10-18.07.10]
Ausstellungen Lutz/Guggisberg [03.07.10-27.12.10]
Institutionen Kunsthalle Bern [Bern/Schweiz]
Institutionen Museum Boijmans Van Beuningen [Rotterdam/Niederlande]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Lutz/Guggisberg
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