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Gastlabor
7/8.2010




Raum für Kunstvermittlung - Ein Experiment mit offenem Ausgang


  
«Bildwurf» im Projektraum Kunstvermittlung, Kunstmuseum Luzern, 2010


Luzern - Kann ein Raum für Kunstvermittlung in einem Museum ohne persönliche Ansprache der Besucher/innen funktionieren? Wie kann das Publikum dazu gebracht werden, die Prämisse des «Nicht Anfassens» zu übertreten und selbst aktiv zu werden? Diesen und anderen Fragen ist das Vermittlungsteam des Luzerner Kunstmuseums nachgegangen, als es den Projektraum Kunstvermittlung parallel zur Ausstellung «Referenz und Neigung» ein­richtete: Ein Experiment zur Entwicklung und Erprobung neuer Vermittlungsformen für das Haus, aber auch für die Kunstvermittlung selbst.
Bereits seit 2001 setzt sich das Kunstmuseum Luzern intensiv mit dem Thema Kunstvermittlung auseinander. Am Anfang stand das Pilotprojekt «Treffpunkt Kunst», das zum Ziel hatte, die vermittlerischen Aktivitäten des Museums zu bündeln. Während sich das Projekt damals stark auf den Ausbau der Angebote für Kinder, Jugendliche und Schulen konzentrierte, möchte das aktuelle, von vier Stiftungen finanzierte «Entwicklungsprojekt Kompetenzzentrum für Kunstvermittlung» in erster Linie langfristige Partnerschaften zu den Hochschulen in Luzern knüpfen. Doch auch die Vernetzung mit anderen Partnern ist dem Haus ein Anliegen. Das Museum hat sich für diese Aufgabe die Kunstvermittlerin und -historikerin Susanne Kudorfer von der Pinakothek München ins Haus geholt. Die Verschränkung von Theorie und Praxis ist der Kunstvermittlerin ein besonderes Anliegen.
Einen Rahmen dafür bildet die Teilnahme am Forschungsprojekt «Kunstvermittlung in Transformation»: Unter der Beteiligung der Fachhochschulen Zürich, Basel, Bern und Luzern wird hier gemeinsam mit sechs Museen an der Weiterentwicklung der Vermittlung im ausserschulischen Bereich gearbeitet.
Ungewöhnlich ist bei diesem Projekt vor allem die Offenheit von Seiten des Hauses. So gilt es laut Kudorfer, nicht nur Formen der Zusammenarbeit und der Begegnung mit verschiedenen Öffentlichkeiten und Partnern zu erproben, sondern vor allem auch nach experimentellen Ansätzen zu suchen, die über das klassische Repertoire von Vermittlung wie Schulprogrammen oder Führungen hinausreichen. Diese Risikobereitschaft ist in der institutionellen Praxis der Schweiz, aber auch im gesamten deutschsprachigen Raum bislang selten anzutreffen.
Einen markanten Auftakt bildete der Projektraum Kunstvermittlung, der von Februar bis Juni 2010 eingerichtet wurde. Es war ein Anliegen des Vermittlungsteams, einen für alle Besucher/innen offenen Ort zu schaffen, der gleichzeitig Experimentierfeld für verschiedene Projekte und Arbeitsort für die Vermittler/innen selbst war.
Der Raum, der gleichwertig zu den Ausstellungsräumen auftritt, verleiht der Vermittlung eine ungewöhnlich sichtbare Position. Er sollte eine selbstgesteuerte Erkundung und Nutzung der hier zur Verfügung gestellten Materialien ermöglichen und gleichzeitig Einblicke in Arbeitsweisen der Vermittlung geben. Für die Eröffnung wurde das belgische Vermittlungsduo What» eingeladen, um gemeinsam mit dem Team des Museums offene Angebote für den Raum zu entwickeln. Materialien und Gegenstände, die nicht unmittelbar mit Kunst assoziiert werden, wurden als Rohmaterial für künstlerisch-gestalterische Prozesse zur Verfügung gestellt: ein grosser Haufen verschieden farbiger Gummibänder, schwarze Drähte - aber auch Papier und Stifte.
Erfindungsreich entwickelten die Besucher/innen neue Verbindungen und eigene Ideen. Sie verwendeten auch Dinge, die vorab nicht für Gestaltungsvorgänge vorgesehen waren, beispielsweise Trinkbecher und Wischtücher - und nutzten so einen Freiraum, der in angeleiteten Workshops oder Vermittlungsaktionen nicht denkbar wäre.
Doch nicht immer konnte der Raum das erhoffte Potential entfalten. Die offene Anlage und der bewusste Verzicht auf Anleitungen eröffneten ein Spannungsmoment, das nicht immer einfach auszuhalten war. Denn die Zurückhaltung der Besucher/innen war stellenweise gross. So wurden die Materialkisten, etikettiert mit Bildern von je einem Ausstellungsobjekt, die in einem hohen Regal standen und an ein Museumsarchiv erinnerten, insbesondere von individuellen Besucher/innen kaum genutzt. Jede Kiste enthielt Gegenstände und Texte, die eine Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Werk initiieren sollten und zudem die Möglichkeit boten, eigene Kommentare und Eindrücke in Heften festzuhalten.
Die Idee zu erkunden, wie ein von der Vermittlung aus gedachter Raum im Rahmen einer Ausstellung funktionieren könnte und wo seine Grenzen liegen, ging laut Kudorfer dennoch auf. Wie ein Dialog zwischen unterschiedlichen Besucher/innen und dem Museum als räumliche Anlage herzustellen wäre und sichtbar gemacht werden kann, müsste allerdings noch weiter erprobt werden. Das hier formulierte Interesse an Formen der selbstgesteuerten Beteiligung zeigt sich auch in anderen Häusern. Im Museum Bellerive haben Studierende des Bachelor of Arts in Vermittlung von Kunst und Design der ZHdK unter der Leitung von Emilio Paroni in der Ausstellung «Pap(i)er Fashion» einen DIY-Raum (Do it yourself) eingerichtet. Das Schlüsselmoment für das Funktionieren solcher Räume liegt für Paroni in einer Form der aktiven Beteiligung, die den Besucher/innen hilft, die gewohnten Verhaltensweisen zu durchbrechen, ohne belehrend zu sein.
Ein Raum für Recherchen, Aktivität und Dialog scheint, wie das Luzerner Beispiel illustriert, dann seine Wirkung zu entfalten, wenn ein konkreter Ausgangspunkt Anlass zur Auseinandersetzung bietet. Allein ein räumlicher Rahmen und die Möglichkeit zur Partizipation reichen offensichtlich nicht aus, um einen Dialog mit den Besucher/innen zu initiieren.
Die Möglichkeit zur Partizipation, so offen sie auch zunächst erscheinen mag, bleibt nur jenen vorbehalten, die sich aufgrund bestimmter Parameter von ihr angesprochen fühlen oder sie als solche identifizieren. Damit bleibt fraglich, wie und ob Räume auch ohne aktive Einladung für die Vermittlung nutzbar gemacht werden können. Oder ist zuletzt doch die persönliche Ansprache das entscheidende Kriterium für die Vermittlung?



Links

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Ausgabe 7/8  2010
Autor/in Anna Chrusciel
Link http://www.projektraumkunstvermittlung.ch
Link http://www.museum-bellerive.ch
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