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Besprechung
7/8.2010


Yvonne Ziegler :  Rosemarie Trockel macht uns das Verständnis ihrer Kunst nicht leicht. Sie arbeitet gegen Bedeutung und formale Identität an, misstraut der Auffassung, es gäbe ein So-und-nicht-anders. Kontingenz, Zufall und Verflüssigung von Materie, Form und Denken sind ihre Sache. Wort und Bild sind scharf gesetzt.


Zürich : Rosemarie Trockel, «Verflüssigung der Mutter»


  
Rosemarie Trockel · Ohne Titel, 2005, Mixed Media, 67,5 x 57 x 3,8 cm, Courtesy Sprüth Magers, Berlin, London © ProLitteris


Rosemarie Trockel (*1952) ist seit den Achtzigerjahren dafür bekannt, gesellschaftliche Vorstellungen zum Status und Verhältnis von Mann und Frau, Mensch und Tier, Politik und Kunst ironisierend zu hinterfragen. Im Foyer der Zürcher Kunsthalle trifft man in ihrer Ausstellung «Verflüssigung der Mutter» zunächst auf ihren «Wollfilm», 1992: Ein Frauentorso dreht sich mechanisch, sodass sich ein dunkler Wollpullover Reihe um Reihe auftrennt. Zusehends kommt nicht nur der nackte Körper zum Vorschein, gleichzeitig löst sich der dunkle Strickhintergrund auf, auf den der Film im Film gesetzt ist. Die zunächst einfach anmutende Arbeit besitzt auf formaler und inhaltlicher Ebene eine komplexe Struktur, die Assoziationsfelder eröffnet: Handarbeit, maschinelle Fertigung, Frauenarbeit, männlicher Blick, verdecken, enthüllen, Projektion, Bild im Bild etc. Daneben sind neue Werkgruppen von Collagen, Keramiken, Möbeln, Objekten und Wollbildern zu sehen sowie Vitrinen, in denen überblicksartig Arbeiten verschiedener Werkphasen gezeigt werden. Die neuen, einfarbigen Bilder nehmen das selbstbewusste Grossformat der amerikanischen Farbfeldmalerei auf und parodieren es durch aufgeklebte Rahmen und handgestrickte Herstellung. In den Vitrinen finden sich dem Menschen verwandte Wesen wie «Angsthase», «Monster» oder «Gewohnheitstier 3 (Dackel)» sowie eine ihrer «Herdplatten» und ein «Haus für Läuse» in Form einer Perücke. Trockels manchmal beissender Wortwitz ist vortrefflich! Eimer hat sie in Keramikmasse gedrückt und den Abdruck anschlies­send mit glänzender Glasur zu «Spiegeln» gebrannt. Ein weiblicher Roboter putzt «Milch» auf. Und im hintersten Raum befinden sich schwarze, ungestrickte Wollbilder mit vertikal verlaufenden Fäden. Das wirkt sakral.
Im Kunstmuseum Basel sind parallel fiktive Buchentwürfe, Collagen und Zeichnungen aus den letzten dreissig Jahren zu sehen. Auch hier wird Trockels Medien- und Stilvielfalt deutlich sowie die Wiederaufnahme eigener und Anverwandlung fremder Werke. Etwa ist auf einem Blatt durch Zeichnung und Fotokopie aus Warhols «Mao» eine Frau entstanden. Mehrere Zeichnungen zeigen irritierende gedoppelte Umrissführungen, die das Motiv psychedelisch in Bewegung setzen. Die selten gezeigten Buchentwürfe geben schliesslich Einblick in ihren Ideenfundus, ihr teils sehr persönliches Experimentier- und Denkfeld.

Bis: 15.08.2010


Kunsthalle Zürich, bis 15.8.



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Ausgabe 7/8  2010
Ausstellungen Rosemarie Trockel [30.05.10-05.09.10]
Ausstellungen Rosmarie Trockel [08.05.10-15.08.10]
Video Video
Institutionen Kunsthalle Zürich [Zürich/Schweiz]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Hauptbau/Neubau [Basel/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Rosmarie Trockel
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