Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
7/8.2010


Miriam Wiesel :  Die Berlin Biennale, ihrem nomadischen Prinzip folgend, ist dieses Jahr nach Kreuzberg gezogen - das macht sie anziehend, ist aber angesichts drohender Gentrifizierung Anlass heftiger Kritik. Das Stammhaus KW, einst Pionier in Mitte, wird vom neuen Nachbarn Sammlung Olbricht regelrecht erdrückt.


Berlin : «was draussen wartet» - 6. Berlin Biennale


  
links: Ron Tran . 2010, Installationsansicht, 6. Berlin Biennale fuer zeitgenoessische Kunst / Parkbaenke, Masse variabel. Foto: Uwe Walter, 2010
rechts: Friedl vom Groeller (Kubelka) . Passage Briare, 2009, 16-mm-Film, s/w, ohne Ton, 2' 30', Courtesy sixpackfilm, Wien


Die Gebäude sind die Protagonisten der von Kathrin Rhomberg kuratierten Ausstellung, die einen Blick auf die Gegenwart verspricht. «Hühnerexkrement mit Tusche auf Papier», so die Materialbeschreibung einer Skizze zur Installation von Petrit Halilaj (*1986 Skënderaj, heute Kosovo), dem jüngsten der insgesamt 44 Biennale-Künstler. Er hat das im Krieg zerstörte und wiederaufgebaute Haus seiner Familie, reduziert auf Holzverschalungen, originalgross in die Halle der KW eingepasst. Dazwischen gackern Hühner, die hinter dem Gebäude Stall und Auslauf haben und sich auch in den Ausstellungsraum verirren. Ein Stockwerk darüber wurde der Raum komplett weiss gestrichen und gleissend hell erleuchtet - ein idealtypischer White Cube, der den Blick auf das grob gezimmerte Haus drastisch verstärkt.
Auf starker Kontrastierung beruht auch die Karl Marx zitierende 2-Kanal-Installation «All That Is Solid Melts into Air», 2008, von Mark Boulos (*1975, Boston). Szenen aus der Chicagoer Warenterminbörse werden Menschen im Nigerdelta, die unter der Ausbeutung ihrer Ölvorräte leiden, gegenüberstellt. Ebenso frenetisch wie sich der Handel an der Börse steigert, so kulminiert der Hass auf Weisse bei den Afrikanern in einer archaisch anmutenden Geisterbeschwörung.
Vertrauensvolle Nähe suggeriert hingegen die Arbeit von Anna Witt (*1981, Wasserburg am Inn), die in «Die Geburt», 2003, nackt unter das Nachthemd ihrer auf dem Bett liegenden Mutter schlüpft und ihre Geburt für die Kamera noch einmal wiederholt. Im leerstehenden Kaufhaus am Oranienplatz, dessen erhabene Grösse den Eingang ins «wilde» Kreuzberg markiert, überwiegen die eher politischen Arbeiten. Sei es der wiederholte Protest auf den Strassen Mexikos von Minerva Cuevas (*1975, Mexiko-Stadt), das Aufbegehren der jungen Leute in Frankreich gegen eine ungerechte Politik von Bernard Bazile (*1952, Tulle) oder Proteste gegen die Schliessung einer Textilfabrik von Nir Evron (*1974, Herzlia) - Widerstand erhält eine Stimme.
«Schmutziggrau wie alles hier», eine handschriftliche Notiz Adolph Menzels (1815-1905) in einer Studie zum «Eisenwalzwerk», die mit ca. 30 anderen von Michael Fried ausgewählten Zeichnungen in der Alten Nationalgalerie zu bewundern ist - sie bilden das künstlerische Rückgrat dieser dem Realismus verpflichteten Biennale. Das Grau zieht die Künstler an, doch wenn dann die Investoren kommen und die Fassaden buntstreichen, wachsen die Konflikte - doch indem die Biennale diesen Prozess reflektiert, unterläuft sie ihn zugleich.

Bis: 08.08.2010



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2010
Ausstellungen 6. Biennale für zeitgenössische Kunst [11.06.10-08.08.10]
Institutionen KW Institute for Contemporary Art [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
Künstler/in Minerva Cuevas
Künstler/in Mark Boulos
Künstler/in Anna Witt
Künstler/in Bernhard Bazile
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=100628143709NAY-12
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.