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Besprechung
7/8.2010


Beate Engel :  Nach der ersten Station in Antwerpen ist die Ausstellung «Animism» in die Kunsthalle Bern gewandert. Philippe Pirotte setzt hier eigene Akzente und vertraut auf die unmittelbare Wirkung einer Kunst, welche die Unterscheidung von Natur und Kultur, Subjekt und Objekt, Fiktion und Realität aufhebt.


: Animism


  
Len Lye · Tusalava, 1929, 16-mm-Projektion von 35-mm-Film, 10'. Courtesy Len Lye Foundation, Govett-Brewster Art Gallery/New Zealand Film Archive


Der Glaube an die beseelte Dingwelt gehört nicht nur ins Reich der Jäger und Sammler, sondern durchdringt unseren Alltag hier und jetzt, als Begehren, der Entzauberung der Moderne etwas entgegenzusetzen. Darauf verwies der Initiator der «Animism»-Ausstellung Anselm Franke zur Vernissage in der Kunsthalle Bern. Sein Ko-Kurator Philippe Pirotte verortet das Animistische im Alltag, indem er die Gruppenausstellung vom theoretischen Textgerüst der Antwerpener Show befreit und mit weiteren Positionen ergänzt wie mit der Fotoserie «Eindrücke aus dem Landesinnern» von Lutz/Guggisberg. Vom Trommelshop zum Trouvaillenladen, wo Kerzen und Engel zu verkaufen sind, haben die Künstler Exotisches und Obskures in der Schweiz entdeckt. Während diese pseudoethnologischen Ansichten des lokalen Brauchtums eher ironisch anmuten, eröffnen die Schwarzweissfotografien von Santu Mofokeng ganz andere Dimensionen. Mofokeng, einer der wichtigsten Fotokünstler Südafrikas, porträtiert in seiner Bilderserie «chasing shadows» unwirtliche Orte von spiritueller Kraft, wo religiöse Stammesrituale durchgeführt werden. «Ishmael, eyes wide shut, Motouleng Cave» zeigt eine Frontalaufnahme des Gesichts seines Bruders, dessen Augen durch eine Doppelbelichtung gleichzeitig geschlossen und offen erscheinen. Wenig später starb der Porträtierte an Aids. Opfertiere, Hühner oder Ziegen, sind von Licht umgeben und wirken wie magische Erscheinungen ausserhalb von Raum und Zeit. Den Übergang ins Pflanzenreich beschreitet Simryn Gill in ihren Fotoinszenierungen. Sie und ihre Freunde verstecken ihre Köpfe in Pflanzenmassen und fügen sich so wie unsichtbar in das Grenzgebiet der texanischen Landschaft ein, sodass ihre nationalen Identitäten nicht mehr erkennbar sind. Die Grenzüberschreitung ist hier also nicht nur biologisch, sondern auch geopolitisch zu verstehen.
Die Tiere, die Rosemarie Trockel in ihrer Aquarellserie porträtiert, halten Menschenpuppen-Köpfe in den Händen, wobei die Unterschiede zwischen Mensch und Affe nur minimal sind. Mit ihrem bekannten Spruch «Jedes Tier ist eine Künstlerin» stellt Trockel die Vormachtstellung des Menschen infrage. Beim «Animism»-Projekt geht es nicht um eine Verherrlichung des Irrationalen und des Aberglaubens, sondern um interessante Grenzverschiebungen der Bedeutungsebenen und Machtbeziehungen zwischen Menschen, Tieren und Dingen. Natürlich gehört die Kunst dabei auch zu den beseelten Dingen, an die wir glauben oder eben nicht.

Bis: 18.07.2010



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Ausgabe 7/8  2010
Ausstellungen Animism [15.05.10-18.07.10]
Institutionen Kunsthalle Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Beate Engel
Künstler/in Rosmarie Trockel
Künstler/in Lutz/Guggisberg
Künstler/in Santu Mofokeng
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