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Besprechung
7/8.2010


J. Emil Sennewald :  Zur Wiedereröffnung nach gelungenem Umbau seiner Bibliothek durch Jakob + MacFarlane setzt das Centre Culturel Suisse im schwülen Pariser Marais erotische Akzente. Jean-Christophe Ammann, der 1985 das Pariser Centre eröffnete, zeigt seine Liebe zur Kunst und erklärt, warum Körper in die Bilder gehört.


Paris : À rebours


  
Jean-Christophe Ammann vor Elly Strick, The Same, 2005, 320 x 205 cm , Öl und Lack auf Papier


Jean-Christophe Ammann hat mit internationalem Echo die Schweizer Kunstszene der Achtziger- als Direktor der Kunsthalle Basel und die deutsche Kunstszene der Neunzigerjahre als Leiter des Frankfurter MMK geprägt. Nach Frankreich bringt er nun Begehren: «Der menschliche Körper und sein Verlangen stand und steht immer im Mittelpunkt künstlerischer Arbeit. Hier versammelt sich, was bewegt.»
Die 100 Druckgrafiken, die Christoph Wachter 1994/95 in Briefmarkenformat nach S/M-Pornos radiert hat und die Ammann nun erstmals öffentlich zeigt, nehmen das beim Wort. «Das war damals ein echter Treffer», erklärt Ammann, «ein konzentrierter Moment im Werk eines Künstlers, mit historisch bedeutsamen Ergebnissen.» Wachter stelle Pornobilder in eine Ikonografie, die bis zu Goya und ins Mittelalter führe. Sind wir heute an Pornobildchen aus dem Internet als Kunst-Vorlage gewöhnt, so geht es im CCSP um eine Geschichte der Bilder, die ohne Körper nicht zu haben ist. Ammann: «Jeder Idiot denkt mit dem Kopf, aber mit dem Körper zu denken, ist etwas ganz anderes.» Das zu sehen, fällt nicht immer leicht. Vordergründige Ästhetik lenkt in Martin Eders grossformatigen Hochglanz-Akt-Fotografien gepiercter Frauen und seinen leichtgängigen Aquarellen vom eigentlichen Reiz dieser Bilder ab, die ganz im Bildraum auf sich zurückgezogene Körper präsentieren. «Eine bildliche Stärke, wie man sie aus Heiligendarstellungen grosser Meister kennt», attestiert Ammann dem Künstler. Mag sein. Ganz sicher sind seine Körper im Bild fundamental verschieden von jenen vor dem Bild, haben sich emanzipiert von einer abbildlichen Realität, leben ein Eigenleben.
Dass solche Verkörperungen im Bild auch zum drängenden Bild-Akt werden können, macht die 49-jährige Niederländerin Elly Strik erfahrbar. Eigentlicher Star dieser Ausstellung, wendet sie mit ihren drei grossformatigen Aquarellen die ganze schwüle Stimmung zu etwas, das mit Schmerz zu tun hat, mit Schrecken auch. Ihre Bilder erzählen von Konvulsionen eines Körpers, der in ihren Bildern drängend lauert, um das hungrige Auge anzuspringen. Das verbindet alle vier von Ammann gewählten Positionen: Sie haben das Begehren im Bild gefangen, und nun starrt es hinaus, voll erschreckender Begierde auf lüsterne Blicke. Genau hier setzt Ammann ein. «Kuratieren», erklärt er, «bedeutet, eine Erfahrung weiterzugeben. Nicht zu vermitteln, sondern weiterzugeben, wie es ist, mit Kunst umzugehen.» In Paris zeigt er diese Transmission als Liebe durchs Bild.

Bis: 18.07.2010



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Ausgabe 7/8  2010
Ausstellungen M. Eder, E. Strik, C. Suerkemper u.a. [08.05.10-18.07.10]
Institutionen Centre Culturel Suisse [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Christoph Wachter
Künstler/in Elly Strik
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