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Besprechung
7/8.2010


Daniel Morgenthaler :  Andy Warhol am Apparat: Im Film «The Telephone Book» spielte der Pop-Artist zwar mit. Nur wurde die Szene, in der er Popcorn isst, herausgeschnitten. Die Kunsthalle Winterthur zeigt nun die 1969 gedrehte Pornofilm-Satire im Kontext einer dokumentarischen Ausstellung.


Winterthur : The Telephone Book


  
links: Friend of Alice · s/w Fotografie
rechts: Andy Warhol · s/w Fotografie


Das Kunst- und Filmpublikum hat manchmal eine lange Leitung. Während über 40 Jahren ruhte der Kinofilm «The Telephone Book» in der Warteschlaufe des Vergessens, bis er nun endlich gebührend gewürdigt wird. Oder besser gesagt, in einer Ausstellung mit dem Filmscript, den Presseauszügen und mit Fotomaterial in der Kunsthalle Winterthur geadelt wird. Ihr Leiter Oliver Kielmayer hatte schon 2008 mit der Ausstellung «Begehren & Eroberung» mit teils pornografischem Material aus verschiedenen Sammlungen den Begriff der Kunsthalle - und die Toleranz der Polizei - strapaziert. Auch im Falle dieser Pornofilm-Persiflage darf man natürlich fragen, was ein kommerzieller Spielfilm in einer Kunsthalle zu suchen hat. Recht viel, wie sich herausstellt.
Auch wenn Andy Warhol schlussendlich wieder herausgeschnitten wurde. Eine bereits gefilmte Sequenz, die den Pop-Art-Vertreter Popcorn essend vor einer Glanzfolie zeigt, hätte ursprünglich in der Filmpause gezeigt werden sollen. Einige Factory-Member spielten verschiedene Rollen im Film und mit dem Intermezzo wäre auch Warhol selbst im Stile seiner eigenen «Screen Tests» - relativ unbewegte Porträts auf Film statt Leinwand - aufgetreten. «Angesichts der heutigen Popularität Warhols war es natürlich ein Fehler, die Szene nicht in den Film hineinzuschneiden», bereut Produzent Merv Bloch.
Nicht unbedingt. Der Film ist auch ohne die Pausenpointe sehenswert: Die gelangweilte Protagonistin - übrigens pikanterweise ein Mitglied des Kennedy-Clans - erhält eines Tages einen obszönen Anruf. Aber nicht von irgendwem, sondern vom selbsternannten versiertesten obszönen Anrufer, den es gibt. Das erste Telefongespräch ist gleich eine der besten Szenen des Films: Vom Anrufer sieht man nur den Mund, der immer nur genau so lange zu sehen und zu hören ist, bis er ein schmutziges Wort sagen würde - Selbstzensur durch Filmschnitt sozusagen. Dazwischen sieht man, wie sich die nicht ausgesprochenen Wörter auf die Atemkadenz im sich hebenden und senkenden Brustkorb der Hauptdarstellerin auswirken.
Nicht nur die Interieurs im Film zitieren ikonische Pop-Werke wie Warhols Siebdrucke. Auch in seiner Technik - viel zu lange Einstellungen, die eklektisch aneinandergereiht werden - erinnert er stark an Pop-Gepflogenheiten. Umso erstaunlicher, dass aus der üppigen Factory-Produktion von 1970 kein abendfüllender Film hervorgegangen ist. In diese Lücke springt «The Telephone Book».

Bis: 11.07.2010



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Ausgabe 7/8  2010
Ausstellungen The Telephone Book [23.05.10-11.07.10]
Institutionen Kunsthalle Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
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