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7/8.2010




Solothurn : Boris Rebetez


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Boris Rebetez · Grand Hall, 2010, Styropor, Holz, 420 x 450 x 330 cm und 436 x 36 x 36 cm, Ausstellungsansicht. Foto: Jörg Müller
rechts: Boris Rebetez · Environment and the establishment of a way of life III, 2009, Bleistift, Tusche auf Papier, 55,8 x 76 cm. Courtesy annex14, Bern


Erst wenn man das kleine Türchen sieht, wird klar: In dieser Skulptur liesse sich ein Vogel halten. Boris Rebetez' (*1970) Arbeit «Uccelacci e uccelini», 2008, aus verzinktem Stahlgitter präsentiert sich einerseits als Architekturmodell à la Frank Gehry. Man könnte es andererseits aber auch einfach als Käfig verwenden. Der in Basel lebende Rebetez diagnostiziert hier der Architektur eine grundlegende Schizophrenie: Sie will unsere Lebensumgebung luftig und hell gestalten, aber gleichzeitig auch Schutz vor äusseren Einflüssen bieten. Im schlechtesten Fall resultiert das in Bauten, die wie Gefängnisse funktionieren, ohne dass dies auf Anhieb deutlich wird. Ein Beispiel wäre die gescheiterte Utopie von Le Corbusiers modernistischen Wohnsilos.
In seiner Einzelausstellung «Anticipation» im Kunstmuseum Solothurn verweist Rebetez auch mit der Installation «Grand Hall» auf dieses Dilemma. In den sonst leer belassenen Ausstellungsraum hat er einen nicht betretbaren Treppenkörper eingebaut, wie man ihn etwa auch an brutalistischen Wohnhochhäusern sieht. Das «1:1-Modell», wie es Rebetez nennt, wirkt betoniert, besteht aber aus Styropor und Holz. Und obwohl man gut daran vorbei in den nächsten Saal gelangt, irritiert der Einbau durch den zu niedrigen Raum, der darunter entsteht.
Allerdings wäre es verfehlt, die Arbeit einfach als weitere laute Stimme im einhelligen Chor der Modernismusverächter abzutun. Denn gerade das Motiv der Treppe hat spätestens seit M.C. Eschers Bildkonstruktionen immer auch eine surreale Komponente. Und obwohl Rebetez' Stufen aus der Wand in die Wand führen, eröffnen sie doch neue assoziative Wege. «Der Raum wird fiktiv», hofft Rebetez.
Eine ähnliche Wirkung erzielt der Jurassier mit seinen Fotocollagen. In dieser Werkgruppe, die sich wie ein roter Faden durch sein Gesamtwerk zieht, macht die Solothurner Ausstellung eine Entwicklung ersichtlich: Brachte Rebetez in früheren Arbeiten noch eine gewisse Logik in die aus verschiedenen Bildquellen zusammengeschusterten Räume, indem er die Achsen der Fotos aufeinander abstimmte, assoziiert er mittlerweile freier und weniger architektonisch. Trotzdem verraten sich auch die neueren Collagen nicht sofort. Sie spielen vielmehr zuerst eine gewisse surreale Stringenz aus - genau wie die dreidimensionale Raumcollage mit der Treppe, die einen zwar nicht höher bringt, aber eben auch nicht tiefer sinken lässt.

Bis: 08.08.2010


Parallel dazu: «Distant Memory», Kunstverein Solothurn, bis 8.8.



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Ausgabe 7/8  2010
Ausstellungen Boris Rebetez [05.06.10-08.08.10]
Institutionen Kunstmuseum Solothurn [Solothurn/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Boris Rebetez
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