Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
7/8.2010




Zürich : Geschichte/History


von: Michael Krajewski

  
links: Dani Gal · An Architecture Regarding the Future of Conversations (Detail), 2008, Holz, Plattenspieler, Schallplatten, Bewegungsmelder, Lautsprecher, Siebdruck, Courtesy Freymond-Guth & Co. Fine Arts, Zürich. Foto: FBM-Studio
rechts: Mariana Castillo Deball · Between You and the Image of You that Reaches Me (Detail), 2010. Courtesy Galerie Barbara Wien, Berlin. Foto: FBM-Studio


Der renommierte Kunstpreis «ars viva» des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft stellt einen der wenigen überregional beachteten Förderpreise dar. Alle Preisträger - Mariana Castillo Deball, Dani Gal, Jay Chung & Q Takeki Maeda - leben in Berlin. Unter dem Motto «Geschichte» sind sie nach Stationen im Museum Wiesbaden und dem Kölnischen Kunstverein nun im Migros Museum für Gegenwartskunst Zürich zu Gast.
Das Studium der Geschichte führt automatisch zur Frage der Interpretation der Dokumente. Erst das Sichern von Überresten, das Analysieren von Primär- und Sekundärquellen und eine differenzierte Quellenkritik haben die moderne Geschichtswissenschaft geschaffen. Während in den Siebzigern wissenschaftliche Methoden wie Experiment und Spurensuche in die Kunst einflossen, werden heute eher Mikrogeschichten und Oral History ästhetisch fruchtbar. Ähnlich wie Claude Lanzmann und Steven Spielberg Gespräche mit Zeitzeugen der Shoah sammelten oder in TV-Dokumentationen historische Ereignisse nachgespielt werden, nähern sich Künstler den Ereignissen in Form von Reenactments und dokumentarischer Dekonstruktion. Dabei zielen die ars-viva-Preisträger eher auf Medienreflexion und Präsentation von historischem Material als auf die Quellen selbst.
So Mariana Castillo Deball (*1975, Mexiko-Stadt) mit ihren auf Museumsdisplays re­ferierenden skulpturalen Einbauten. Diese verweisen auf den archäologischen Fund einer steinernen Azteken-Scheibe inmitten von Mexiko-Stadt im Jahre 1976. In einer dramatischen Inszenierung im archäologischen Museum wurde das präkolumbianische Fundstück zum Vehikel eines nationalen Gründungsmythos. Allerdings lässt sich die Bedeutung der Scheibe auch in Deballs Präsentation erst über weitere Quellen dechiffrieren. Ohne diese Informationen bleibt die charmante Installation und das fragil herabhängende Papiergewebe mysteriös wie die Schrift einer untergehehenden Kultur.
Dani Gal (*1975, Israel) konfrontiert ausgeschnittene Bilder aus der Zeitschrift «Spiegel» mit dem Pathos der ersten Fernsehübertragung aus dem Gazastreifen: Tschaikowskys «Ouverture 1812» untermalt ins Bild gehaltene Postkarten und instrumentiert so einen Kontext, der kurze Zeit später im Sechs-Tage-Krieg eskalieren sollte.
Jay Chung und Q Takeki Maeda (*1976, USA, und *1977, Japan) vermengen dagegen allzu leichtfüssig Themen, Ideen und Ebenen: Ihre Reinszenierungen von MTV-Werbevideos oder ihre Übersetzung von Hans Ulrich Obrists Interviews verwechseln Zerstreuung mit Reflexion.

Bis: 15.08.2010



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2010
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Michael Krajewski
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1006281542186A1-39
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.