Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
9.2010


 Ein einziges Haus im südlichen Graubünden ist in diesem Sommer Bühne modernen Kunstschaffens. Die Churer Galerie Luciano Fasciati bespielt zu ihrem 20 Jahr Jubiläum mit renommierten Künstler/innen und Künstlerpaaren das «Arte Hotel Bregaglia» in Promontogno.


Arte Hotel Bregaglia - Lebens-Kunst in Promontogno


von: Gisela Kuoni

  
links: Isabelle Krieg . Rauschanemonen, 2010, Installation, Silikon, Masse variabel (c) ProLitteris, Zürich
rechts: Wiedemann/Mettler . Fiamma, 2010.


Nicht ein ganzes Tal wie 2008 bei «Arte Bregaglia», sondern ein grosses, altes, traditionsreiches und etwas in die Jahre gekommenes Hotel ist dieses Jahr der Schauplatz für ein vielfältiges Kunstereignis. Sämtliche Arbeiten sind explizit für diesen Ort entstanden. Das spürt man, die Eingriffe sind diskret, verspielt, witzig und haben ausgesprochen mit Ort und Geschichte zu tun. Beinahe unmerklich verstärken die Interventionen den etwas morbiden Charme des Hauses, die Atmosphäre verblichenen Glanzes und verleihen dem aussergewöhnlichen Bergtal ein neues, temporäres Zentrum. Nichts ist hier für die Ewigkeit geschaffen, alles kann, muss aber nicht bleiben. Der Hotelbetrieb wird in keiner Weise gestört.
«FurkArt», das bahnbrechende Kunstexperiment von Marc Hostettler im Passhotel «Furkablick» von 1989-2003, steht als stummer Zeuge Pate. Galten die Interventionen dort mehr dem Gebäude als Schutzraum und der umliegenden alpinen Natur, so ist es im «Arte Hotel Bregaglia» die häusliche Note, die dominiert.
Gedanken zum Thema Zeit im weitesten Sinne werden angesprochen - nicht nur in Roman Signers Installation «Echo der Zeit», wenn von einem Balkon eine Stahlkugel im Plastikrohr zum Ufer der Maira kollert und an die bekannte Radiosendung erinnert. Zeit brauchen auch die Strichmännlein, die an der marmorierten Treppenhauswand den «Badile» herauf- und herabklimmen im Video von Gerber/Bardill. Hinter die Zeit und die Geschichte des Gebäudes schaut Jules Spinatsch mit Fotografien aus dem Innenleben des Hotels. Banale Details werden zu Ikonen des Wandschmucks erhoben, dekorativ und passend zu den leuchtenden Wandfarben. Aus dem nahegelegenen Palazzo Castelmur hat sich Spinatsch den Himmel «ausgeliehen», das heisst eine Fotografie desselben als Tapete auf den Zwischenboden der Hotelhalle appliziert.
Auch Isabelle Krieg fragt nach der Zeit, mit Wanduhren ohne Zeiger und Zifferblatt, die mahnend den Rhythmus der verstreichenden Minuten anzeigen. Die schwingende Pendeltür im Eingang hat sie mit Silikonabgüssen von Gläsern und Scherben geschmückt - auch diese Zeugen des Vergehens. Wunderbar ist Krieg's «Zimmerwald» -
eine fotografierte Erinnerung, als die Künstlerin während der Saison-Pause die aufgestuhlten Sessel mit Ästen in einen Wald verwandelte.
An vergangene Zeiten erinnert Evelina Cajacobs «ZeitRaum» mit einer hauchfeinen Wandzeichnung, mit der sie das historische Mobiliar eines Zimmers wie einen Schatten auf die Wand bannt. Davor stehen die heutigen Betten - weisse Wände, weisse Bettwäsche, weisse Vorhänge, die dem Raum eine schattenhafte Romantik verleihen. Auch Sprachstudien im Dialekt von Bondo (Bregaiot) lassen sich anstellen, wenn man Judith Albert's fast unmerklichen Übersetzungen von 130 Begriffen im Hotelbetrieb nachspürt - «cel-letsc-scabela-cascetta da gerani ...». Conrad J. Godly hat im Frühstücksraum einen filmischen Fries aus zweihundert postkartengrossen Ölbildern geschaffen - mit Berggipfeln von Chur bis ins Bergell, klein, eindringlich, kraftvoll. Ins Gigantische übertragen finden sich im Treppenhaus drei gewaltige Bergbilder: Farbe als Material, als Werkstoff verarbeitet zu dreidimensionaler Kraft, wechselnd je nach Beleuchtung und Standpunkt des Betrachters.
Die Arbeit «Fiamma» von Wiedemann/Mettler ist Zentrum und Blickfang in der Eingangshalle: Vom Kronleuchter herab fliesst von der in die Höhe gereckten Hand des Jünglings ein gestrickter kegelförmiger Mantel - ein weisser, surrealer Berg als ironisches Symbol des Bergsteigerstolzes. Im Stübli über dem Stammtisch haben die beiden ein grosses Bambi-Steckperlenbild neben die Trophäen der einheimischen Jäger gehängt - voll Hintersinn und Ironie. Wunderschön sind die kleinen hellblauen Seifen in jedem Gästezimmer, die das Relief des Fornogletschers tragen und wie dieser dahinschmelzen... Umweltkritik auf feinem Niveau.

Gisela Kuoni, freischaffende Kunstkritikerin und Publizistin, lebt in Domat-Ems.


Bis: 02.10.2010



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2010
Ausstellungen Arte Hotel Bregaglia, Promontogno [27.06.10-02.10.10]
Institutionen Arte Hotel Bregaglia [Promontogno/Schweiz]
Autor/in Gisela Kuoni
Künstler/in Isabelle Krieg
Künstler/in Gerber/Bardill
Künstler/in Judith Albert
Künstler/in Wiedemann/Mettler
Künstler/in Evelina Cajacob
Künstler/in Jules Spinatsch
Künstler/in Roman Signer
Künstler/in Marc Hostettler
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=100829112225U0F-1
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.