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Fokus
9.2010


 Vom MoMA New York in die Villa nach Baden: Rudolf Velhagen hat anlässlich des 20-Jahre-Jubiläums des Impressionistenmuseums Langmatt Pipilotti Rist als «Sommergast» eingeladen. Sie fokussiert vornehmlich auf die Angestellten, die das noble Haus seit je in Schuss halten.


Pipilotti Rist - Helfende Hände


von: Daniel Morgenthaler

  
Augendeckel, 2010, Videoinstallation im Esszimmer der Villa Langmatt, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Andrés Morya


Im Himmel von Venedig werden Windeln gewechselt. Pipilotti Rist (*1962) benutzt den hellen Himmelsbereich einer venezianischen Vedute aus dem 18. Jahrhundert im Badener Museum Langmatt als Minileinwand für eine Filmprojektion. Und da sie sich für die Schau «Schliessen Sie mir das Kleid, danke» in der Ausstellungsserie der «Sommergäste» vorgenommen hat, die vielen Bediensteten zu würdigen, die den Sitz der Industriellenfamilie Brown seit Erbauung 1900/01 täglich zum Funktionieren bringen, sieht man darauf dann eben den eher profanen Vorgang des Wickelns eines Kindes.
Schon in einem sehr persönlichen Interview mit Richard Julin, Chefkurator der Magasin 3 Stockholm Konsthall, anlässlich ihrer dortigen Ausstellung «Gravity, Be My Friend», 2007, bekannte sich Pipilotti Rist zu einer speziellen Art von Fetischismus: Sie möge «Männerhände, die Platten durchstöbern». Diese Affinität spielt sie hier quasi für einen guten Zweck aus. Christian Vetter hatte 2007 malend noch eher melancholisch hinter die Fassaden der hier residierenden Familie Brown geschaut. Rist blickt nun den Angestellten der Villa mit der Kamera bei der Arbeit auf die Finger und projiziert die entsprechenden Filme auf die Objekte, welche zu diesen Handgriffen gehören: Das Arrangieren eines Strausses sieht man etwa auf einer Vase. Durch diese Visualisierungen sollen die guten Geister erweckt werden, die hier schon lange wirken, aber auf den Gemälden nicht auftauchen. Eine Vitrine mit Fotos und anderen Quellen aus dem Archiv der Villa versammelt denn auch die wenigen Dokumente, die von den verschiedenen Bediensteten zeugen.
Während die Videominiaturen zum Teil fast unmerklich im Erdgeschoss der abgedunkelten Villa verteilt und die entsprechenden Projektoren clever versteckt sind - etwa in einer felsförmigen Buchstütze - verwandelt die Videoprojektion in der zentralen Galerie des Karl-Moser-Baus das gesamte Ambiente. Die hochkarätigen Impressionisten der hauseigenen Sammlung werden hier entweder schlaglichtartig angeleuchtet oder im halbdunklen Raum von roten Leuchtdioden umspielt. Gleichzeitig werden sie Teil eines atemberaubenden Farbrausches, der sich in fliessenden und immer wieder neu verschränkenden Bildprojektionen über die ganze Decke und eine Spiegelwand zieht. Eine Frauenfigur taucht hier quasi unter Monets Seerosen weg, und rote Schwaden, die an Comicblut erinnern, ziehen sich quer durch den Raum. Es scheint, als ob dem Himmel von Baden permanent die Farbäderchen platzen.

Daniel Morgenthaler (*1978), freischaffender Kunstjournalist, lebt in Zürich.

Bis: 14.11.2010



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Ausgabe 9  2010
Ausstellungen Pipilotti Rist [09.05.10-14.11.10]
Video Video
Institutionen Museum Langmatt [Baden/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Pipilotti Rist
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