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Fokus
9.2010


 Die Ausstellung von Thomas Struth im Kunsthaus Zürich umfasst Fotografien von 1978 bis 2010. Dieses Werk wurde schon verschiedentlich in grösseren Überblicken gezeigt. Was die aktuelle Präsentation auszeichnet, ist neben ihrer Fülle von Arbeiten, die gelungene Balance im Raum, mit der Bezüge angeregt und offen gehalten werden.


Thomas Struth - Blicke ins Paradies und darüber hinaus ...


von: Hans Rudolf Reust

  
links: Tokamak Asdex Upgrade Periphery, Max Planck IPP, Garching, 2009, C-Print, 109,3 x 85,8 cm, Atelier Thomas Struth
rechts: Paradise 1, Daintree/Australia, 1998, C-Print, 225,5 x 179 cm, Kunsthaus Zürich


Okwui Enwezor hat bei der Ausstellung von Gabriel Orozco im MoMA New York die Schwierigkeiten einer «midcareer retrospective» angesprochen: «... does it risk atomizing even the liveliest of ideas?» (Artforum, April 2010). Ein Gang durch die Retrospektive von Thomas Struth (*1954, lebt in Düsseldorf und Berlin) folgt seinen bekannten Werkgruppen, den Städtebildern aus «Unbewusste Orte», den Dschungeln in «New Pictures from Paradise», den Museumsfotografien, den Publikumsaufnahmen und Familienporträts, hin zu den Blumen aus dem «Löwenzahnzimmer» in Winterthur und zu den neuesten Arbeiten. Für jede Konstellation ist ein geeigneter Rahmen gewählt, mal offener, mal verdichtet. 2003, anlässlich der Ausstellung im Metropolitan Museum of Art in New York, gab es Durchblicke, Momente der Durchmischung. Obwohl nun in Zürich die Gruppierung nach Themen weitgehend eingehalten wird, entsteht keine Atomisierung, sondern ein Fluss des Betrachtens. Besonders wichtig ist das Ende, das keinen Endpunkt setzt, sondern in einem weiterzudenkenden
Mäander die Fortsetzung der Arbeit andeutet.
Mit den neuesten Aufnahmen führt uns Struth erstmals in die Welt der technischen Konstruktion. Während er früher für jeden Themenkreis übergreifend formale Parameter festlegte, wird, so Armin Zweite im Katalog, nun stärker das Einzelbild betont. Eigentlich werden Paradigmen aus verschiedenen Gruppen wieder aufgenommen: Das Gewirr der Drähte erinnert an Strassen in Tokyo oder die Undurchdringlichkeit des Dschungels, mit dem grundlegenden Unterschied allerdings, dass hinter den sich überkreuzenden Pflanzenlinien ein Raum ahnbar wird, während sich der technoide Raum verschliesst. Die gegenläufige Biegung der beiden Schiffsrümpfe eines Riesentankers in «Dry Dock», 2007, verweist auf menschenleere Strassenzüge.

Spuren von Megastrukturen

Durch die klare Entscheidung zur Komposition liegt über jeder Aufnahme - auch denjenigen hochtenisierter Räume - zunächst ein Moment der Gemessenheit, der formal gefassten Idylle, ein Vorschein des Paradieses, bis die Klarheit auch ihre analytische Dimension entfaltet und ein Nachdenken über die Zustände auslöst: Wo bin ich? Was geht hier vor? Die Reflexion bricht die Idylle auf und erfasst schliesslich das Sehen selber: Wie verfährt der Blick mit dem, was ich sehe? So führt uns Struth mit Blicken ins Paradies und darüber hinaus. Er zeigt keine Industrierelikte, wie Bernd & Hilla Becher. Es sind Spuren von Megastrukturen einer Zivilisation im Bau, im Umbau, in Reparatur, im Rückbau, beim Abbau.
Technologiekritik erscheint geradezu romantisch im Augenblick, als Hightech sein grosses Versprechen verloren hat, wie die Bohrinsel von 2007. Der Blick auf die Untersicht des Space-Shuttle mag an das «Grosse Gehege» von Caspar David Friedrich erinnern, nachdem die Weltraumfähre ihren letzten Flug hinter sich hat. Struth formuliert keine neue Utopie. Aber er nährt die Hoffnung, es könnte Bildern auch heute noch gelingen, nicht nur das Spektakuläre, den quantitativen Exzess oder den Schock, sondern Wesentliches auf einer Fläche zu fassen.
Barnett Newman empfahl, seine übergrossen Formate im Korridor zu hängen, damit sich ein Verlust des Überblicks einstelle. Struth konfrontiert uns gleich am Eingang mit einem immensen Panorama von Museumsbesuchern. Danach entfalten sich die Einblicke in Momente einer atomisierten Gegenwart.

Hans Rudolf Reust, Kritiker, Dozent HKB Bern, Präsident der Eidg. Kunstkommission.


Bis: 12.09.2010



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Ausgabe 9  2010
Ausstellungen Thomas Struth [11.06.10-12.09.10]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Thomas Struth
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