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Fokus
9.2010


 Die Projekte von Tim Zulauf entziehen sich einer disziplinären Einordnung. Ihre Produktionsästhetik verbindet verschiedene kulturelle und mediale Praxen mit einer Reflektion der eigenen Entstehungsbedingungen. Diesen Monat hat sein neues Stück «Der Bau der Wörter» Premiere.


Tim Zulauf - Machtbeziehungen zwischen Rahmen, Gesten und Worten


von: SØnke Gau


links: Der Bau der Wörter, eine Sprachanalyse für Bürokomplexe und fünf Schauspieler/innen, Zürich-Seebach, 2010, in Koproduktion mit Les Complices* und edition fink
rechts: Budget Schweiz, Theaterprojekt der Autonomen Schule Zuerich zusammen mit Tim Zulauf/KMUProduk


«Transdisziplinarität» ist ein beliebtes Schlagwort im Kulturdiskurs - in vielen Fällen mangelt es jedoch an einer konsequenten Umsetzung des inhärenten Anspruchs einer produktiven Verbindung verschiedener Disziplinen in Theorie und Praxis. Dass es auch anders geht, zeigen die Projekte des Autors und Regisseurs Tim Zulauf. So gelang es ihm vor einem Jahr mit der installativen Dramatisierung «Die Zeitschrift in der Rahmenhandlung» den Zürcher Kunstraum Les Complices* nicht lediglich als Aufführungsort zu nutzen, sondern die mit einem Ausstellungsraum verbundenen Konventionen des Ausstellens und Vermittelns sowie die sozialen Verhaltensmuster der Beteiligten erzählerisch verschoben zur Aufführung zu bringen. Das Ladenlokal wurde dazu auf seine architektonische Hülle reduziert, indem alle Räume inklusive Büro und Küche leer geräumt wurden. Als einziger Einbau fungierten raumgreifende Podeste, die als Sitzgelegenheit genutzt und von denen aus die Performance der Schauspieler/innen auf der Strasse oder im Hof beobachtet werden konnten. Die Besucher/innen waren derart einerseits Publikum des Schau- und Hörspiels, andererseits wurden sie, da sie quasi in den Schaufenstern ausgestellt waren, selbst zum Thema der Inszenierung. In einer in Stapeln ausliegenden Zeitschrift konnten die Anwesenden die Dialoge der Schauspieler/innen und ihren Versuch, dem vorgefertigten Text zu entkommen, nachlesen.

Budget Schweiz
In der komplexen Verschachtelung von Blickrichtungen, von Inhalt und Form, sowie ineinander greifenden Erzählschleifen und Videoeinspielungen zielte die gleichermassen unterhaltsame wie faszinierende Inszenierung auf die Frage «wieweit wir mit unseren Handlungen den (sozialen) Text bestimmen und wann dieser (soziale) Text unser Handeln bestimmt». Dass sich diese Frage nicht ohne weiteres beantworten lässt, ist Tim Zulauf bewusst - ihm gelingt es jedoch, die grundlegende Relationalität des Beziehungsgefüges vorzuführen: «Identität», könnte man mit Judith Butler sagen, gibt sich hier als sprachlich-diskursive Konstruktion ohne substanziellen Kern zu erkennen, die von Machtmechanismen und formalen Normierungen durchzogen ist. In Zulaufs Worten «tauchen so die materiellen Grundlagen des Erzählens in der Erzählung mit auf und tragen sich in sie ein, um sie zu erweitern - und Erzählen an sich dabei eben nicht zu verunmöglichen.»
Dieser Gedanke spiegelt sich auch in der Theateraufführung «Budget Schweiz», welche Tim Zulauf gemeinsam mit Aktivist/innen des Vereins «Bildung für Alle!» der Autonomen Schule Zürich und dem Kollektiv Bleiberecht Zürich erarbeitet hat. Das Stück, welches sich mit den prekären Lebensbedingungen illegalisierter Migrant/innen auseinandersetzt, verdeutlicht unter anderem die Machtstrukturen, die sich über Sprache konstituieren, bzw. in diese eingebettet sind. Die erzwungene «Unsichtbarkeit» so genannter Sans-Papiers in der Gesellschaft korrespondiert über weite Strecken der Aufführung mit einer artifiziellen «Stummheit»: Im «Interview» eines Staatsbeamten und eines Übersetzers mit einem Asylsuchenden, welches über dessen Bleiberecht entscheidet, wird nicht sprachlich sondern nur gestisch kommuniziert, während die «Übersetzung» als deutsche Übertitel eingeblendet wird. Die Szene zeigt beispielhaft, wie bestimmte Bevölkerungsschichten von der verlangten Artikulationsform «überschrieben» werden. Sie können zwar sprechen, verlieren in Übersetzungsprozessen aber den gesellschaftlichen Bezug. Der Inszenierung anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens des Theaterhauses Gessnerallee, die auch während der Besetzung der Kleinen Schanze Bern durch Sans-Papiers und Aktivist/innen im Juni dieses Jahres aufgeführt wurde, gelingt es, durch die unterschiedlichen Aufführungszusammenhänge neue Öffentlichkeiten zu generieren.
Tim Zulaufs Projekte sind insofern auch immanent politisch, da sie sich engagiert an Kämpfen um Definitionsmacht und sprachliche Gebrauchsänderung beteiligen und sich für eine Verschiebung von Bedeutungen einsetzen. Die Frage nach den Möglichkeitsbedingungen von Sprache/Artikulationen schliesst dabei stets eine ausgeprägte mediale Querreflexion mit ein. Der Autor und Regisseur lässt verschiedene Produktionsweisen und «Genre-Folien» kollidieren und verfolgt, welche neuen Möglichkeiten der Reflexion dabei entstehen. Dieses aktive Ineinandergreifen von Rahmenbedingungen, Mitteln und Inhaltlichkeit, das sich als «Produktionsästhetik» bezeichnen liesse, findet sich auch in seinem neusten Stück «Der Bau der Wörter», welches Elemente von romantischen Schauerromanen mit Psychoanalyse, Stadtplanungsdiskursen und der Situierung eines in Umnutzung begriffenen Achtzigerjahre-Bürokomplexes in Zürichs «Randstadt» Seebach verknüpft: Schauspieler/innen spielen «Worte», die im Inneren eines Gebäudes ihre Autonomie einfordern, während von aussen Protagonist/innen der Stadtplanung Kontrolle über ihre Bedeutung zu erlangen suchen. «Das Gefühl des Unheimlichen erwächst aus der Ahnung, dass lückenlose Planung und Transparenz - ob von Raumnutzung oder eigener Biographie - in Katastrophen umschlagen muss.». Zu erwarten ist mit Sicherheit eine weitere - im besten Sinne transdisziplinäre - Inszenierung, deren Besuch sich auf jeden Fall lohnen wird.
Alle Zitate stammen von Tim Zulauf aus einem Interview mit dem Autor.

Sønke Gau, Kulturwissenschaftler und Kurator


Bis: 10.09.2010


Tim Zulauf (*1973) lebt in Zuerich

1994-95 Freies Raeumliches Gestalten an der Schule fuer Gestaltung Basel (HGK FHNW)
1995-99 Bildende Kunst/Theorie der Gestaltung und Kunst an der Zuercher Hochschule der Kuenste ZHdK
2001-07 Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Projekten zu Kunst und Oeffentlichkeiten, ZHdK
ab 2010 Dozent Fine Arts, Hochschule der Kuenste Bern

Tim Zulauf/KMUProduktionen: "Der Bau der Woerter". 29.8.-10.9., Zuerich-Seebach. Shuttlebus ab Les Complices*, Koproduktion Les Complices*/edition fink.



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Ausgabe 9  2010
Institutionen Les Complices* [Zürich/Schweiz]
Autor/in SØnke Gau
Künstler/in Tim Zulauf
Link http://www.zulauf.it
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