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Editorial
9.2010





  
TITELBILD . Evelina Cajacobo . ZeitRaum, 2010, Farbstift auf Wand.


«Unsere Mutter hat für jedes der drei Kinder ein Fotoalbum angelegt, und das war so ein Feld von bildlicher Darstellung, wo sich die ganzen Dinge, die energetischen Felder, Täler und Höhen einfach abbildeten in gefrorenen Zuständen. Und das hat mich total beschäftigt.» So Thomas Struth in einem Film anlässlich seiner Ausstellung im Kunsthaus Zürich (SF/Kulturplatz, 9.6.2010).
Wie dieses Album bis heute weiterwirkt, lässt sich beispielsweise an den Familienporträts des deutschen Fotokünstlers ablesen: Ob sich eine Familie hinter einem bücherbeladenen Couchtisch auf einem engen Sofa zusammendrängt oder ob sie auf ausladenden Sesseln vor einer wandfüllenden Weltkarte posiert, verrät viel über deren zwischenmenschliche Dynamik, über Zuwendung und Distanz und über gemeinsame Interessen. Stellen wir uns beispielsweise das ältere Ehepaar «Eleonor and Giles Robertson», Edinburgh, 1987, vor: Der versonnen lächelnde Herr am Holztisch, offenbar ein Renaissancespezialist, blickt sowohl nach aussen - er mustert aus dem Augenwinkel den Fotografen - wie nach innen. Struths Fotografien evozieren ein Zwiegespräch. Seine urbanen Aufnahmen spiegeln unsere äussere Realität und verleiten dazu, den sie prägenden Vorstellungen, dem «kollektiven Unbewussten» in den eigenen Erfahrungen nachzuspüren.
Struth setzt dabei auf Empathie. Nur beim Nachdenken über das eigene Leben werden seine Aufnahmen bedeutungsvoll, lassen uns Brücken schlagen zwischen der grossstädtischen Realität der Porträtierten und uns selbst. So wie der schottische Kunsthistoriker, der in dem renaissancegeprägten Menschenbild von Giovanni Bellini und Piero della Francesca sicher einen Teil seiner selbst wiederfand. Claudia Jolles



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Ausgabe 9  2010
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