Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
9.2010


Susanne Schmetkamp :  Kunst unter erschwerten Bedingungen, so könnte man «Draw­ing Restraint» frei übersetzen: Grenzen setzen, um sie in der Kunst und über die Kunst zu überwinden. Das Schaulager zeigt Matthew Barneys «Drawing Restraint»-Reihe, die er um eine grossartige, eigens in Basel entstandene Arbeit ergänzt hat.


Basel : Matthew Barney, «Prayer Sheet with the Wound and the Nail»


  
Matthew Barney · Drawing Restraint 17, 2010, Produktionsaufnahme. Foto: Hugo Glendinning


Für den Höhepunkt der Ausstellung muss man das «Schaulager» nicht einmal betreten: Denn Matthew Barneys (*1967, San Francisco) neuste Arbeit, «Drawing Restraint 17», ist auf dessen Aussenwände projiziert. Davor kann man sehr gut eine Weile sitzen bleiben und begeistert sein. Wie in allen Arbeiten der 18-teiligen Reihe, die in der Ausstellung vollständig gezeigt wird, geht es auch in diesem neu entstandenen Zweikanal-Video um Widerstand und Körper. Dieses Mal werden die Grenzen nicht vom Künstler selbst, sondern von einem blonden Mädchen (Emily Harrington) erprobt: Am Goetheanum, dem Anthroposophenzentrum in Dornach, gräbt sie mit einer altertümlichen Schaufel ein Loch. Parallel dazu arbeitet auf dem anderen Bildschirm Barney mit einer Truppe von Helfern. Später fährt das Mädchen mit dem Tram durch die Gegend, um schliesslich im Schaulager an einer der hohen Wände an Griffen hochzuklettern. Am Ende siegt die Wand, das Mädchen stürzt ab: vermeintlich auf die vorher vorbereitete Installation.
Barney begann seine «Drawing Restraint»-Serie, sein Zeichnen unter erschwerten Bedingungen, bereits 1987. Ob sich der Künstler, der als Jugendlicher Wettkampfsport betrieben hat, dabei Schlittschuhe anzieht, über Vaseline watschelt oder vom Trampolin springt: Immer geht es um Aktion und Reaktion, bei der dann die Kunst - eine Zeichnung, eine räumliche Installation - entsteht. Die Filme, Dokumente und, ja, Reliquien dieser Prozesse werden im Schaulager gezeigt.
Dass sich Barney dabei, gemäss Katalog, in einer Tradition mit dem Entfesselungskünstler Harry Houdini sieht, leuchtet sofort ein: Sich aus selbst gesetzten Situationen zu befreien, dabei sich des Scheiterns wie des Erfolges, der Grenzen wie der Kraft des Körpers symbolhaft zu bedienen, verbindet die beiden. Dies wird jedoch in der Schau selbst nicht thematisiert. Stattdessen stellt Kurator Neville Wakefield die Werke von Barney in Beziehung zu Stichen und Zeichnungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert u.a. von Albrecht Dürer, Lucas Cranach d.Ä., Urs Graf und Hans Baldung Grien. Gemeinsam dürfte ihnen das Nachdenken über Metaphysik einerseits und Leiblichkeit andererseits sein. Insgesamt aber wirkt die Gegenüberstellung eher konstruiert als überzeugend. Dennoch ist die Entstehungsgeschichte der ganzen «Drawing Restraint»-Reihe auf jeden Fall sehenswert.

Bis: 03.10.2010



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2010
Ausstellungen Matthew Barney [12.06.10-03.10.10]
Video Video
Institutionen Schaulager [Basel/Münchenstein/Schweiz]
Autor/in Susanne Schmetkamp
Künstler/in Matthew Barney
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=100829160211HN4-10
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.