Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
9.2010


Daniel Morgenthaler :  Vom Pub-Spiegel zum Satzspiegel: Der Kanadier Rodney Graham begreift fast alles als Material für seine gut gestaltete Konzeptkunst. Das Museum für Gegenwartskunst reagiert entsprechend - mit einer hausfüllenden Retrospektive für den 61-jährigen Weggefährten von Jeff Wall und Ian Wallace.


Basel : Rodney Graham, «Through the Forest»


  
links: Rodney Graham · Lobbing Potatoes at a Gong (1969), 2006, 2 Gemälde, Schwarz-Weiss-Fotografie, Flasche mit Kartoffelwodka, Super-16 mm, 9:20, Ton, sw, Courtesy Hauser & Wirth, Zürich
rechts: Rodney Graham · The Gifted Amateur, Nov. 10th, 1962, 2007, 3 aufgezogene, chromogene Diapositive, Leuchtkästen, Courtesy Hauser & Wirth, Zürich


Zufälle gibt es nicht. Zumindest nicht im Werk von Rodney Graham. Oder hat er es etwa rein zufällig Matthew Barney gleichgetan, der ebenfalls anlässlich seiner Einzelschau in Basel noch kurz vor der Eröffnung einen Film in der eigenen Ausstellung gedreht hat? Während Barney im neuen Schaulager-Film für einmal nicht selbst die Hauptrolle spielt, bleibt sich Graham als Figur treu. Und während der Amerikaner für sein aufwändiges Werk sogar eine Stuntfrau und mehrere Kameras brauchte, reichten dem Kanadier ein Cello und eine einzige Einstellung: Auf einem roten Teppich und in schickem Anzug schüttelt er das Instrument so lange, bis zwei Manschettenknöpfe aus dem Resonanzkörper fallen.
Auch beim Blick auf das Gesamtwerk Grahams mutet diese neue Arbeit keineswegs zufällig an. Schon einmal hat er sich nämlich für eine Performance eine ähnlich absurde Aufgabe gestellt: In «Lobbing Potatoes at a Gong, 1969», einem Video von 2006, schmeisst er sitzend Kartoffeln gegen einen Gong, wobei er manchmal trifft, manchmal nicht. Inspiriert dazu hat ihn eine Episode um ein ebenso agierendes Bandmitglied der Pink Floyd. Der Musiker hat aber bestimmt nicht so viel dabei herausgeholt wie Graham, der die Kartoffeln, mit denen er den Gong traf, nachträglich zu Wodka verarbeitet hat.
In einem derart durchdachten Œuvre ist es nur konsequent, dass noch der grösste Zufall nicht als solcher durchgelassen wird: Graham hat in einer englischen Ausgabe von Georg Büchners Erzählung «Lenz» bemerkt, dass das Satzelement «... through the forest» zweimal genau am Seitenende vorkommt, wobei «through» jeweils auf der vorhergehenden Seite steht und «the forest» auf der neuen. Für Graham ist das nicht nur eine typografische Kuriosität, sondern ein Hinweis darauf, dass Büchner seine Erzählung quasi als Loop angelegt hat. Entsprechend bricht er die Linearität des Mediums Buch mit seiner «Reading Machine for Lenz» von 1993 auf: Die Seiten sind hier in Holzrahmen gespannt, die sich rotieren lassen.
Die physische, auch skulpturale Präsenz des Buches zieht sich ebenfalls als roter Faden durch das Werk Grahams, der neben Kunstgeschichte englische und französische Literatur studiert hat. Eine historische Ausgabe von «Alice in Wonderland» packt er etwa prompt in einen Stahlschuber, der an Donald Judd erinnert. Wird sich Alice auch aus den Klauen des spartanischen Minimalismus befreien können? Bestimmt, denn Rodney Graham überlässt nichts dem Zufall.

Bis: 26.09.2010



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2010
Ausstellungen Rodney Graham [13.06.10-26.09.10]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Hauptbau/Neubau [Basel/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Rodney Graham
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=100829160211HN4-11
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.