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Besprechung
9.2010


Konrad Tobler :  Seine kleinstformatigen, höchst realistischen Zeichnungen erinnern an Fotografien, die sich in einem Zustand des Kippens befinden. Im Museum Franz Gertsch zeigt der Winterthurer Marcel Gähler nun auch grossformatige Aquarelle - ebenso präzise, ebenso das Unheimliche streifend.


Burgdorf : Marcel Gähler


  
links: Marcel Gähler · Ausstellungsansicht Museum Franz Gertsch 2010
rechts: Marcel Gähler · o.T., 2010, Aquarell auf Papier, 153 x 204 cm


Gerade mal sechs auf neun Zentimeter messen die Kleinzeichnungen von Marcel Gähler (*1969). Für diesen Zeichnungsvirtuosen ist das aber kein Grund, nicht jedes Detail, jeden Zweig und jedes Blatt zu einem hyperrealen Ding zu machen. Man könnte mit der Lupe schauen, und selbst dann wäre alles da - wie auf einer in alle Tiefen geschärften Fotografie. Fotografien sind denn auch der Ausgangspunkt aller Arbeiten sowie der grossformatigen Aquarelle. Die Sujets sind eigentlich schwer zu benennen: Unterholz, ein Stück Weg, ein Agglomerationsblock, Unorte, unattraktive Orte, Buschwerk und Gesträuch, alles meist in ein Dämmerungs- oder gar ins Nachtlicht getaucht, in dem die Dinge erst nach und nach wahrnehmbar werden. Man erwartet, dass an diesen Orten etwas geschehen könnte. Oder befürchtet, dass etwas geschehen sei, dass noch etwas zum Vorschein kommen könnte. Das erinnert irgendwie an die Schlüsselszene in Michelangelo Antonionis Kult-Film «Blow up», als der Protagonist, ein Fotograf, auf einer nächtlichen Parkfotografie eine Leiche zu entdecken glaubt. Das scheinbar Harmlose kippt bei Gähler ebenfalls ins Unheimliche und Unfassbare - was dadurch verstärkt wird, dass man durch die Kleinformate gezwungen ist, ganz nahe an die Bilder heranzugehen, sie richtiggehend zu durchforsten; dabei entsteht leicht ein Flimmern der Wahrnehmung.
In einer neuen, 2008 begonnenen Serie greift Gähler auf Fotografien zurück, die aus einem Familienalbum stammen könnten. Er zeichnet sie denn auch, als ob sie Bilder im Bild wären, mit einem dunklen Rand, in dem sich so etwas wie ein Buchrücken abzeichnet. Die Bilder im Bild - ein schlafendes Kind etwa, eine Szene am Meeresstrand - sind zudem schräg gestellt. Das bewirkt, dass man wie durch ein Fenster auf die Szenerien blickt und so als Betrachter in einer gewissen Distanz gehalten, zugleich jedoch Zeuge von intimen, eben familiären Situationen wird.
Auf feine Weise - nicht nur deswegen, weil die Zeichnungen äusserst fragil sind - greift Gähler damit einen Topos auf, der gewissermassen zu den Urmythen der Tafelmalerei gehört: das Bild als Fenster zur Welt, wobei «Welt» bei Gähler gerade das Nicht-Spektakuläre der Realität bedeutet. Mit dieser Haltung und mit seiner Akkuratesse passt die Sicht des Winterthurer Künstlers genau in den Rahmen, in dem das Werk nun gezeigt wird: Trotz der geradezu gewaltigen Unterschiede der Formate leuchtet auf der Stelle ein, dass es im Museum gezeigt wird, das dem Altmeister Franz Gertsch gewidmet ist.

Bis: 05.09.2010



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Ausgabe 9  2010
Ausstellungen Franz Gertsch und Max von Mühlenen, Marcel Gähler [17.04.10-05.09.10]
Institutionen Museum Franz Gertsch [Burgdorf/Schweiz]
Autor/in Konrad Tobler
Künstler/in Marcel Gähler
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