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Besprechung
9.2010


Johanna Encrantz :  Schrille, schräge und schöne Bilder des 2003 verstorbenen Schweizer Fotografen Urs Marty sind zurzeit in der Kornschütte Luzern zu sehen. Zur gewaltigen Fülle von Sozialreportagen, Landschaften und Frauenbildern liegt nun ein prämiertes Fotobuch vor - eine visuelle Entsprechung von Sehnsüchten.


Luzern : Urs Marty


  
Urs Marty · o.T, o.D., schwarz-weiss Fotografie, 40 x 60 cm


Die Szenerie ist schräg und ungewohnt: Vor ihm - dem Fotografen - eilt eine nackte ältere Frau mit Metallkettchen-Slip die Treppe hinauf, über dem Treppengeländer hängen Kleider und Badetücher, während draussen die Sonne scheint und einen zarten Schatten an die Wand wirft. Der Fotograf ist am helllichten Tag im Puff, mittendrin.
Zuerst Werbefotograf, dann Dozent für Fotografie an der Hochschule für Gestaltung in Luzern, lehrte Urs Marty (1942-2003) die Studierenden mit Kamera und Leidenschaft loszugehen und Bilder aus der Welt zurückzubringen.
Diese Sehnsucht hat auch ihn getrieben. Geblieben ist ein kaum je gezeigter, riesiger Nachlass von Negativen und Schwarz-Weiss-Prints aus den späten Siebzigerjahren bis zur Jahrtausendwende. Es sind verschiedene Motivstränge, die das Werk ausmachen und sich wohl als Ganzes auch zu einem Leben verflochten haben.
Da sind einerseits die Fotografien seiner Reisen ins Ausland, Beobachtungen fremder Menschen, Landschaften und Architektur. Als klassischer Fotograf gehörte für ihn die Arbeit mit der Kamera und die in der Dunkelkammer zusammen. Im Labor holte er die Schwärze aus den Bildern, schärfte die Kontraste und verlieh den Aufnahmen so eine leidenschaftliche Härte. Die Tristesse und Sehnsucht darin sind greifbar und erinnern an die Ästhetik des italienischen Neorealismus.
Ganz andere - krudere und heissere - Sehnsüchte manifestieren sich im zentralen Strang des Werks, den Frauenbildern. Die Aufnahmen von unzähligen Interieurs mit geschminkten und frisierten Frauen an ihrem Arbeitsplatz sind schrill und morbid zugleich. Wir machen uns spätestens dann nichts mehr vor, wenn die Sexworkerin mit auftoupiertem Haar und brustfreiem Latexmieder in einer Schweizer Einbauküche die Kaffeetassen spült.
Im Nahblick auf einzelne Körperteile wie Fingernägel, Brüste, Beine ahnt man die obsessive Haltung des Fotografen. Es zählt nur der Moment, das Bild als Fetisch einer Leidenschaft. Was wollte er fotografieren? Dass die Frauen hässlich sind? Dass sie doch schön sind? Oder wollte er zeigen, wie sie - im Fokus der Kamera - schön werden? «Warum hast du dieses Bild gemacht?», mit dieser Anregung hatte man in Urs Martys Unterricht über das eigene Reportagekonzept nachzudenken. Gerne würde man jetzt diese Frage auch dem Lehrer stellen.

Bis: 03.10.2010


Urs Marty, Edition Stephan Witschi und Steidl Verlag, Zürich und Göttingen, 2009



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Ausgabe 9  2010
Ausstellungen Urs Marty [16.09.10-03.10.10]
Institutionen Kornschütte [Luzern/Schweiz]
Autor/in Johanna Encrantz
Künstler/in Urs Marty
Link http://www.stephanwitschi.ch
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