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Besprechung
9.2010


Alice Henkes :  Neun Kunstschaffende suchen im Kunstmuseum Thun nach alternativen Organisationsformen für Gesellschaft und Wissensvermittlung. Dabei fordern sie das Publikum nicht nur zum Mitmachen auf, die für die Schau entstandenen Projekte setzen auch auf Kooperation mit Gruppen ohne Museumsbezug.


Thun : Utopie und Alltag


  
links: Klara Schilliger und Valerian Maly · Monument GingerSociety Thun, 2010, Holz, Drahtgeflecht, Papiermaché, 8 x 17 m, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry
rechts: Christine und Irene Hohenbuechler . Projekt c/o Marquard Wocher (1809-1885), c/o Ruth Cohn (1912-2010), 2010, in Zusammenarbeit mit Frauen aus der Seniorenresidenz Tertianum. Foto: Kunstmuseum Thun


Gilles Deleuze und Félix Guattari führten in den Siebzigerjahren den Begriff Rhizom ein, der in der Biologie Wurzelgeflechte benennt, wie sie etwa beim Ingwer vorkommen. Das Rhizom wurde bei ihnen zur Metapher für ein vernetztes, poststrukturalistisches System der Wissensweitergabe, das im Gegensatz zum hierarchischen Wissensbaum steht. Klara Schilliger (*1953) und Valerian Maly (*1959) beleben die etwas in Vergessenheit geratene Rhizom-Metapher neu. Im Juni gründete das Performance-Duo eine «Ginger Society». Anschliessend errichteten sie gemeinsam mit Arbeitslosen aus Thun eine Ingwerknolle aus Dachlatten und Papiermaché. Das 8 x 17 Meter lange «Monument Ginger Society Thun» füllt den grossen Saal im Kunstmuseum Thun und kann nur in Teilstücken wahrgenommen werden.
Das Ingwer-Monument ist Teil der Ausstellung «Utopie und Alltag. Im Spannungsfeld zwischen Kunst und Bildung». Das Konzept zur Ausstellung hat Museumsdirektorin Helen Hirsch vom Centre d'Art Contemporain in Genf und dessen Anfang des Jahres gezeigter Ausstellung «Utopie et Quotidienneté» übernommen. In Thun entstand eine ganz eigene Schau, darunter nur eine der Arbeiten aus Genf: «La maison bibliothèque», 2009, von Tilo Steireif (*1969) und Nils Norman (*1966). Die Arbeit erinnert an eine Gartenlaube, ausgestattet mit einem Filmraum und einer Bibliothek mit Literatur zur Reformpädagogik. Die Grundfragen der Ausstellung - Veränderbarkeit der Gesellschaft und offenere Strukturierung von Wissensvermittlung - zeigen sich hier ebenso wie der hohe Anspruch an den Betrachter, der sich einer enormen Fülle an Ideen und auch Texten gegenübersieht.
Dabei geht es nicht nur um die Theorie der Gemeinschaft. Viele Projekte entstanden in Zusammenarbeit mit Gruppen ohne Bezug zum Museum. Regine von Felten (*1980) begleitete Sehbehinderte mit der Fotokamera. Besucher vollziehen diese Form von Kooperation über dokumentarische Medien nach. Christine und Irene Hohenbüchler (*1964) baten für ihre Installation «c/o Ruth Cohn, c/o Marquard Wocher» Seniorinnen aus der Altersresidenz Tertianum in Thun um Mithilfe. Die Damen nähten bunte Puppen, die von den Schwestern Hohenbüchler in einer Kulisse aus rollbaren Möbeln arrangiert wurden, mit der ausdrücklichen Aufforderung an die Besucher, Puppen und Möbel nach ihren Vorstellungen neu anzuordnen. Mit Projekten wie diesen gelingt der etwas theorielastigen Ausstellung eine ungewöhnliche Nähe zum Besucher.

Bis: 05.09.2010



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Ausgabe 9  2010
Ausstellungen Utopie und Alltag [17.07.10-05.09.10]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Valerian Maly
Künstler/in Nils Norman
Künstler/in Regine von Felten
Künstler/in Christine Hohenbüchler
Künstler/in Irene Hohenbüchler
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