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Besprechung
9.2010


Konrad Tobler :  Das ausgemusterte Passagierschiff «Stadt Bern» ist zum Ausstellungsschiff geworden: Der Multimediakünstler Heinrich Gartentor liess das Schiff an den Aarequai in Thun schleppen und richtete eine Retrospektive ein, die sich mit den speziellen Räumlichkeiten verbindet - ein Erlebnisparcours.


Thun : Heinrich Gartentor, «Die Stadt Bern in der Stadt Thun»


  
links: Heinrich Gartentor · Letzter Gruss vom Autofriedhof, Fiat 500, 2008
rechts: Heinrich Gartentor · Der letzte Tag, an dem die Welt noch in Ordnung war, 2010, C-Print auf Dibond, 207 x 375 cm; Qualitätskriterien für Kunst aufgestellt - anhand der EU-Gurkenverordnung, 2009, Video, 6'; Gartentor Kulturminister, 2007, Film von Leila Kühni, 52'


Gartentor waere nicht Gartentor, wenn er die Retrospektive, die er sich auf der "Stadt Bern" im wortwoertlichen Sinn zusammengezimmert hat, nicht zugleich dazu benuetzen wuerde, eine kuenstlerische Vernetzung zu schaffen: Die Ausstellung "Eine Handvoll Kunst" zeigt Kunstwerke zahlreicher Kuenstlerinnen und Kuenstler, die Gartentor dazu eingeladen hat, ein Kleinstformat beizusteuern. Das ergibt - fast analog zu Herbert Distels "Schubladenmuseum", wenn auch weniger international ausgerichtet - einen reizvollen und witzigen Ueberblick ueber verschiedene Positionen aktueller Kunst. Gartentor waere auch nicht Gartentor, wenn er das Schiff nicht als Ort an sich zum Gegenstand der Ausstellung machen wuerde: Wie vor zwei Jahren im Autofriedhof von Kaufdorf versteht es der Kuenstler, das Ambiente des Ortes zu nutzen und das Publikum in die diversen Raeume, eben auch in sonst unzugaengliche, zu locken und dort Videos aus seinen verschiedenen Schaffensphasen zu praesentieren - vom muehevollen Durchklettern eines Zivilschutzzentrums im Untergrund der Stadt Bern ueber die Taetigkeit als erster Schweizer Kulturminister bis zur EU-Verordnung ueber Gurken, die Gartentor dazu dient, seinen Kunstbegriff zu entwickeln. Nicht fehlen darf ein gezimmerter Container, in dem als Hommage an jenen Autofriedhof und als Readymade ein verrotteter Fiat 500 zu entdecken ist. Gartentor dokumentiert die Aktion, die das Schiff nach Thun brachte - vermutlich nach langen Verhandlungen -, und er windet sich durch jeden nur moeglichen Raum, jede Luke, die im Schiff irgendwie zugaenglich sind. Abgerundet wird die Ausstellung durch eine weitere Ausstellung in der Ausstellung, in der Gartentor die Geschichte der Schifffahrt auf dem Thuner- und Brienzersee praesentiert. Das wird ergaenzt durch ein eigens hergestelltes Schiff-Quartett. Kurz: Auf der "Stadt Bern" in der Stadt Thun ist Gartentor ganz er selbst. Im Uebrigen laesst sich der Besuch in Thun mit Gewinn zu einem "bescheidenen Kunstreischen" (Gottfried Keller) ausbauen: Eine sechsminuetige Bahnfahrt und ein kurzer Fussmarsch fuehren zum Schloss Kiesen, in dessen romantisch heruntergekommenem Rahmen die Foto- und Performance-Kuenstlerin Chantal Michel zum zweiten Mal eine Art Gesamtkunstwerk mit neuen Werken installiert hat. Der Ansatz ist bei allen Differenzen mit dem von Gartentor vergleichbar: Kunst wird in einem besonderen Ambiente zum Erlebnisparcours (KB 9/2010, S. 50).

Bis: 17.10.2010


Die Stadt Bern in der Stadt Thun. Casino-Ländte / Aarequai Thun.



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Ausgabe 9  2010
Ausstellungen Die Stadt Bern in der Stadt Thun [03.08.10-17.10.10]
Autor/in Konrad Tobler
Künstler/in Heinrich Gartentor
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