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Besprechung
9.2010


Yvonne Ziegler :  Manche mögen's kuschelig, die amerikanische Künstlerin Rita McBride (*1960) offensichtlich nicht! Spröde, kühl und mit feinem Humor fordern ihre Objekte im Kunstmuseum Winterthur dazu auf, sich auf die Brüchigkeit gängiger Glaubenssysteme von Modernität, Funktionalität, Globalität und Kunst einzulassen.


Winterthur : Rita McBride


  
Rita McBride · Midrise Automobile Parking Structure, 1994‚ Aluminiumguss, sandgestrahlt, Kunstmuseum Winterthur


Programmatisch hängt in jedem Raum ein Wandbehang, der in Mexiko nach Anleitung McBrides gewoben wurde. Die Farben sind gedämpft: Moosgrün, Bordeauxrot, Senfgelb. Eigentlich sind es eher Bilder als Wandbehänge, denn sie verleihen dem Raum keine behagliche Atmosphäre. Trotz altbackener Farbigkeit und handwerklicher Machart haben sie Moderne und Medien zum Thema. Le Corbusier stand Pate, der Tapisserien nach anfänglicher Ablehnung zum Handgepäck des nomadischen Appartementbewohners erkor. Auf McBrides Wandbehängen (2009) schweben über der abstrakten Streifenstruktur vereinzelt Silhouetten Supermans oder eines ihrer Kunstwerke, bevorzugt ihre sanduhrförmige Mae-West-Skulptur aus Stahl, die bald Wahrzeichen im öffentlichen Raum Münchens sein wird. Selbstzitate finden sich auch in McBrides Buchprojekten, die sie zusammen mit Künstlerfreunden wie Glen Rubsamen oder John Baldessari realisiert. Die Wandbehänge verweisen auf das TV-Testbild, das die korrekte Einstellung des Senders zeigt, wenn kein Programm läuft. McBride spürt solchen ehemals modernen Signets nach. Der Bauhaus-Utopie einer rationellen Fertigung von gutem Design und Architektur erweist sie «webend» Reverenz.
Seit das Auto zum massenhaft hergestellten Symbol von Modernität und Mobilität avancierte, mussten Parkmöglichkeiten geschaffen werden. Das Parkhaus ist eine mit Rampen, Treppentürmen und Geschossen ausgestattete modernistische Architektur, die grosse Variabilität besitzt und unbemerkt die Städte bevölkert. Diese Präsenz wird ebenso selbstverständlich hingenommen wie die beklemmende Wirkung im Inneren. McBride verkleinert die Struktur von Parkhäusern seit 1994 zu Modellen, präzisiert ihre Form und giesst sie in Bildhauermaterial: Messing, Aluminium, Bronze. Parallel dazu transformiert sie auch andere funktionale Bauelemente zu Skulpturen: Vordächer, Tragedecken, Lüftungs- und Versorgungsschächte. Der Abluftschacht «Vent», 2010, stellt eine Verbindung zur Aussenwelt her, nämlich zum tatsächlichen Parking unter dem Kunstmuseum. Die Elemente des Thonetstuhls liess McBride in preziösem Muranoglas fertigen und mit selbst klebender, transparenter Plastikfolie verbinden. Die fragilen Gebilde oszillieren zwischen billig und edel, Serienherstellung und Handarbeit, absurd und funktional. Sie verweisen auf einen abwesenden Körper. McBrides «Übersetzungsprozesse» lassen vermeintlich Sicheres brüchig werden. Vielleicht wirken ihre Objekte deshalb so wenig sinnlich, eher sind es skulpturale Denkmodelle.

Bis: 05.09.2010



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Ausgabe 9  2010
Ausstellungen Rita McBride [13.06.10-05.09.10]
Institutionen Kunst Museum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Rita McBride
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