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9.2010




Luzern : Dieter Roth - Das Tränenmeer


von: Niklaus Oberholzer

  
Dieter Roth · Ausstellungsansicht Kunsthalle Luzern, 2010


Eine bislang wenig bekannte, sich weit verzweigende und irritierende Aktion Dieter Roths ist das Thema einer Ausstellung in Luzern. Sie geht aus von scheinbar unsinnigen tiefsinnigen Inseraten, die der Künstler 1971/72 in die kunterbunte kleinbürgerliche Werbung eines Gratisanzeigers einstreute.
Im Kunstbulletin 6/2010 überraschte ein kleines Inserat: «Vierundzwanzig Steine sind besser als keine Träne und ein böses Wort D.R.» Ein paar Seiten später war zu lesen: «Ein Coca Cola ist ein Stein und eine Träne D.R.» In der nächsten Nummer wurde man erneut fündig: «Ausgeweint ist ausgeschlafen D.R.» und «Fällt der Bleistift aus der Hand, ist das die Träne aus dem Auge D.S.» Die Kurztexte Dieter Roths erschienen ursprünglich 1971/72 mit rund 110 weiteren Inseraten im «Luzerner Stadtanzeiger». Auch damals war eins der Inserate mit D.S. signiert. Ein Fehler oder ein subversives Augenzwinkern des auch um die unscheinbarste Provokation niemals verlegenen Künstlers? Die in die Kino-, Kleider-, Wirtshaus-, Coiffeur- und in andere meist höchst triviale und mit ihrer Spiessigkeit anrührende Alltagswerbung eingestreuten Inserate mit ihren apodiktisch behauptenden Texten erzürnten viele Leute: Sie wussten damit nichts anzufangen. So liess der Anzeiger die Aktion, die Dieter Roth und die Luzerner Galeristin Erica Ebinger auf über 220 Inserate angelegt hatten, vorzeitig auslaufen. Dieter Roth aber liess das «Tränenmeer» weiterwuchern und eine ganze Reihe von Büchern folgen.
Die Kunsthalle Luzern widmet eine von Flurina und Gianni Paravicini-Tönz kuratierte gros­se Ausstellung diesem bisher nur marginal be­handelten Werk. Gezeigt wird ein Fries von 131 Anzeiger-Seiten, auf denen die Besucher/innen die sinnigen Roth-Sentenzen aufspüren und Zeugen vom Beziehungsgeflecht zwischen den einzelnen Sprüchen werden können. Zu sehen ist aber weit mehr - nämlich eine Bestandsaufnahme zum Thema Dieter Roth und Luzern. Zugleich bringt die Ausstellung bisher wenig bekannte Facetten von Roths Werk zum Irrlichtern - Grafiken, die Roth zusammen mit dem Goldschmied Hans Langenbacher druckte, Keramikvasen mit Roth-Design von 1960, nie Gesehenes aus dem Besitz von Erica Ebinger und Hans Langenbacher, selten gezeigte Malereien aus der Sammlung Anliker. Briefe und andere Materialien bieten Einblicke in Dieter Roths labyrinthische Sprach- und Bilderwelt. Ein Kuriosum: Der Maler Peter Roesch arbeitete um 1970 im Grafikatelier Sepp Ebingers. Dieter Roth liess ihn den Umschlag seines neuesten «Buches» zeichnen: «Wer war Mozart?» stand auf dem Titelblatt. Drinnen stand bloss: «Ich weiss es nicht - gewidmet Wolfgang Hildesheimer»

Bis: 20.10.2010


 Kunsthalle Luzern, bis 20.10. «Dieter Roth - Inserate 1971/72», 2009. «Dieter Roth - Tränen in Luzern» mit Materialien und Essays (zur Ausstellung). Beide Publikationen Edizioni Periferia Luzern/Poschiavo



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Ausgabe 9  2010
Ausstellungen Dieter Roth [21.08.10-20.10.10]
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Institutionen Kunsthalle Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Dieter Roth
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