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Editorial
10.2010





  
Latifa Echakhch, Globus (b), 2007, Papier, zerknüllter Siebdruck, 15 x 15 x 15 cm, Ausstellungsansicht, Swiss Institute, New York, 2009. Courtesy Kamel Mennour, Paris


Sie kennen sie vielleicht bereits, die kleine bunte Erdkugel aus zerknülltem Papier von Latifa Echakhch. In der Ausstellung «Shifting Identities» im Kunsthaus Zürich, 2008, wachte eine bedrohliche Sperre von leeren, kreuz und quer in den Raum ragenden Fahnenstangen über dem fragilen, mit einem Fusstritt zerstörbaren Ball.
Fragen zur Identität stellt die in der Schweiz lebende französisch-marokkanische Künstlerin mit besonderem Nachdruck. So lässt sie in ihrer aktuellen Ausstellung im Fri Art in Fribourg mit scheinbar achtlos zu Boden geworfenen Kostümteilen, Trommeln und Trompeten die ambivalenten Gefühle zwischen Patriotismus und reaktionärer Beengung, Disziplin und Anarchie anklingen, wie sie bereits wenige Takte Marschmusik aus der Ferne in uns auslösen können.
Einen weiteren Hinweis liefert das verwandte Werk «Sans ­Titre (La Dégradation)», 2009, mit verstreuten Armeeabzeichen und Säbel­futteral, das an die brisante Affäre um den französischen, jüdischen Offizier Alfred Dreyfus anknüpft. Dieser wurde 1894 aufgrund eines dubiosen Schriftstücks des Landesverrats für schuldig befunden, degradiert und auf die Teufelsinsel verbannt. Erst nach einer langwierigen juristischen Kontroverse, angestossen durch seine Frau und seinen Bruder sowie mit Unterstützung einer breiten Öffentlichkeit - Émile Zola richtete damals unter dem Titel «J'accuse!» einen flammenden Appell an den französischen Präsidenten -, wurde der Verurteilte zwölf Jahre später rehabilitiert. Die «Dégradation» wird auch durch Karikaturen aus der Zeit überliefert: Ein Oberst mit Helm und Federbusch steht vor Dreyfus, der stramm und schreckensstarr zusieht, wie ihm sein Gegenüber den Säbel über dem Knie zerschmettert und die militärischen Abzeichen von der Uniform reisst. Dass uns da sofort auch heutige Geschehnisse einfallen, ist sicher gewollt. Claudia Jolles



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Ausgabe 10  2010
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