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Fokus
10.2010


 Die in Martigny lebende französisch-marokkanische Künstlerin Latifa Echakhch erregte mit Ausstellungen in der Tate Modern oder im Fridericianum international Aufsehen. Nun zeigt sie ihre erste grosse Schweizer Einzelausstellung «Still Life, Frame Still» im Fri Art in Fribourg. Die Künstlerin dekonstruiert bekannte nationale, religiöse und politische Symbole und Gegenstände des Alltags, höhlt diese formal aus und schafft dadurch Freiräume für neue Inhalte.


Latifa Echakhch - Landung auf Hüllen ohne Füllung


von: Beate Engel

  
links: Erratum, 2004-2010, zerbrochene Teegläser, Dimension variabel, Ausstellungsansicht Scultpure Center New York. Courtesy Kamel Mennour, Paris
rechts: Latifa Echakhch · Sans titre (Fanfare, L'indépendente), 2008, Installation: Knöpfe, Gamaschen, ­Epauletten, Gurt, Säbel und Futteral, Dimension variabel


In ihrem einzigen Selbstporträt streckt Latifa Echakhch dem Betrachter die Hand entgegen. «French Touch (selfportrait)», 2004, entstand, nachdem die Künstlerin von einer Verkäuferin in einem Laden auf ihre gelungene «französische Maniküre» angesprochen wurde. Es handelt sich um eine Kosmetik, bei der die Nagelspitzen weiss lackiert werden. Allerdings entsprechen die Nägel von Echakhch schon ganz natürlich ohne Spezialbehandlung dem französischen Schönheitsideal.
Das Selbstportrait symbolisiert den Zwiespalt der in Marokko geborenen Künstlerin, die als Immigrantin in Paris aufgewachsen ist und sich nirgendwo und überall zuhause fühlt. Der Arm mit seiner braunen Hautfarbe verweist deutlich auf ihre nicht-westliche Herkunft. Die Geste der Hand vermischt die Andeutung einer Protestfaust mit einem abgewinkelten Daumen, der so auf vielen Abbildungen der «Hand von Fatima», dargestellt wird, die in der arabischen Tradition als Abwehrgeste gegen den bösen Blick gilt.
Echakhch hinterfragt nationale Zuschreibungen, indem sie banale alltägliche Elemente in neue Kontexte setzt, so beispielsweise ein Dokument für eine Aufenthaltserlaubnis. «Espace a remplir par l'etranger», diese Überschrift eines Gesuchsformulars, das sie selbst auf einer Polizeistation in Paris ausfüllen musste, hat sie an verschiedenen Ausstellungsorten in die Wand gemeisselt, als Negativraum, der auch auf die Stigmatisierung oder Stereotypisierung von Künstler/innen exotischer Herkunft hindeuten kann. Die Künstlerin weigert sich, den ihr zugewiesenen Raum als Ausländerin, Frau und Künstlerin zu füllen. Sie kreiert Leerräume, um auf inhaltsleere Floskeln und ausgediente Symbole zu verweisen.

Neues Vokabular des Orients

Marokkanische Teegläser gehören nicht zum Haushaltsinventar der Künstlerin und doch werden sie ihrer Kultur zugeschrieben. Die Gläser, die auf den Boden geschmissen wurden, ergeben schillernde Muster aus arabischen Schriftzeichen und dekorativen Splittern, schön und gefährlich zugleich. Der Herstellungsprozess von «Erratum», 2004, erinnert an minimalistische Werke und an Prozesskunst der Sechziger- und Siebzigerjahre, beispielsweise an Richard Serra, der Blei im Ausstellungsraum verspritzte. Im Gegensatz zur deklarierten Bedeutungslosigkeit solcher zufälligen Akte und Prozesse wählt die Künstlerin ihre Arbeitsmaterialien jedoch bewusst aus und verknüpft sie mit politischen und gesellschaftskritischen Aussagen. Dabei geht es ihr nicht um eine blosse Zerstörung oder Verneinung kultureller Symbole, sondern um eine Neuaufladung, um die Möglichkeit, durch neue Formen Platz für andere Inhalte zu schaffen.
Die schwarzen Plastikkissen, «Vanités», 2007, die während der Ausstellung «Il m'a fallu tant de chemins pour parvenir jusqu'à toi» in Form von marokkanischen Sitzkissen auf dem Boden des «le Magasin in Grenoble» verteilt waren, sind keine sanften Ruhekissen, sondern versprechen eine harte Landung, da es sich bloss um aufgeblähte Hüllen ohne Füllung handelt.

Protest mit Poesie

Die Gebetsteppiche, die sie 2008 während der Ausstellung «Shifting Identities» im Kunsthaus Zürich auf dem Boden auslegte und teilweise auch übereinander drapierte, bestehen nur aus einem Rahmen aus Fransen. Die religiösen Referenzen dieser «Frames», 2008, sind ausgelöscht, der heilige Raum innerhalb des Teppichs, in dem zum Beispiel ein Garten oder eine Durchgangssitutation dargestellt sein könnte, wird zur unmarkierten imaginären Zone. Und doch unterscheidet sich der innere Raum vom Raum ausserhalb der Trennungslinie, die nur die wenigsten Betrachter überschreiten. Ebenfalls als Beitrag zu «Shifting Identities» montierte die Künstlerin Fahnenstangen ohne Flagge an den Wänden. Was auf den ersten Blick wie eine gelungene geometrische Abstraktion erscheint, verweist mit dem Titel «Fantasia», 2008, einerseits auf die marokkanische «Fantasie», ein traditionelles Reiterfest, bei dem die Männer mit ihren erhobenen Gewehren schiessen, und andererseits auf die Austauschbarkeit von nationalen Symbolen und Identitäten in einer globalisierten Welt.
Auch wenn ihre Werke oft von unterschwelliger Aggression und Kritik geprägt sind, gelingen der Künstlerin immer wieder Konstellationen von grosser Schönheit und Poesie. «A chaque Stencil une révolution», eine Installation, die sie u.a. an der diesjährigen «Art Unlimited» während der Art in Basel gezeigt hat, erinnert nur auf den ersten Blick an Yves Klein. Sie besteht aus Tausenden, an einer Wand aufgehängten dunkelblauen Durchschlagpapieren. Das Zitat «For each Stencil a Revolution» stammt von Yasser Arafat, der damit die übermässige Verbreitung von Demonstrationen in den Siebzigerjahren kommentiert hat. Die blauen Matrizen dienten damals dazu, revolutionäre Traktate zu vervielfachen. Die Künstlerin hat sie mit Farblösemittel bespritzt, sodass sich die Farbe auflöst und Rinnsale auf dem Boden hinterlässt. Hier liegen auch verbrannte Reifen, die an die Kämpfe der Vergangenheit erinnern. Im Stillleben der Künstlerin sind sie zu sprechenden Symbolen für den politischen Stillstand geworden.
Der künstlerische Protest von Latifa Echakhch ist nicht laut, sondern sensibel, distanziert und differenziert. Ihre Strategie besteht darin, bestimmte Gegenstände und Prozesse in ihre Einzelteile zu zerlegen, um deren eigentliche Bedeutung als folkloristische Elemente oder politische Insignien und Abläufe zu untersuchen.
Der 23-minütige Film, «Sans titre (11 mars 2005)» beispielsweise dokumentiert, wie die städtische Reinigungsequipe mit ihren Wagen die Spuren einer Demonstration mit militärischer Präzision ausradiert, ein Ritual, das die Künstlerin in Paris immer wieder beobachtet hat. Der Säuberungsakt wirkt wie eine moderne Ballettchoreografie, der politische Protest erscheint als sinnloses Ritual, das keine sichtbaren Spuren hinterlässt.

Was übrig bleibt

Latifa Echakhchs jüngste Videoarbeit ist in Marokko in der Nähe ihres Heimatorts entstanden. Im Film porträtiert sie einen vernachlässigten Teil des Friedhofs, in dessen Nähe auch ihr Vater begraben ist. Die Künstlerin hat den Titel «Le Petit Jardin», 2010, für die Arbeit gewählt, da das marokkanische Wort für Friedhof, «raouda», auch einen Garten bezeichnet. Die Kamera fährt am Boden entlang, abwechselnd langsam und schnell, über ein terrain vague aus vertrockneten Gräsern, Disteln, bemoosten Steinen - es wird nicht klar, dass es sich um einen Friedhof handelt. Die Fotos der «Raouda Still Life»-Serie zeigen Detailansichten, Bilder von kleinen runden Schnecken, die wie dekorativer Schmuck an Akazienstacheln kleben, farbige zarte Plastiktüten inmitten von Unrat. Auch bei dieser sehr persönlichen Arbeit besticht die distanzierte Betrachtung der Künstlerin. Auch hier bleibt das, was zunächst nicht zu sehen ist, schliesslich am längsten im Gedächtnis hängen: ein unscheinbarer Stein, auf dem ein Name in arabischer Handschrift aufgezeichnet ist und ein Datum.

Beate Engel, Kunsthistorikerin, Leiterin Kunsthalle Luzern


Bis: 31.10.2010



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Ausgabe 10  2010
Ausstellungen Latifa Echakhch [12.09.10-31.10.10]
Autor/in Beate Engel
Künstler/in Latifa Echakhch
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