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Fokus
10.2010


 Der Spiel-Skulpturenhof des Basler Plastikers Michael Grossert und der legendäre Robi-Spielplatz könnten nicht unterschiedlicher sein. Der heutige Umgang mit diesen legendären Zeitzeugen spiegelt wandelnde künstlerisch-pädagogische Vorstellungen: Der Skulpturenhof wurde erhalten, der Robi-Spielplatz erfährt eine Neuinterpretation.


Spielplätze - Labor, Landschaft, Kunst?


von: Gabriela Burkhalter

  
links: Michael Grossert · Skulpturenhof, Primarschule Aumatten, 1967 © ProLitteris. Foto: Rob Gnant
rechts: Michael Grossert · Skulpturenhof, Primarschule Aumatten (restauriert), 2009 © ProLitteris, Zürich. Foto: Stefan Grossert


Der Spielplatz als Zeitzeuge, Kunstobjekt und Kristallisationspunkt für gesellschaftliche Fragen? 1967 realisierte der Basler Plastiker Michael Grossert (*1927) einen kürzlichen restaurierten Spiel-Skulpturenhof für das Schulhaus Aumatten in Reinach bei Basel. Zur gleichen Zeit erfolgte der Startschuss für die komplete Neugestaltung des legendären Robi-Spielplatzes von 1957 im Norden von Basel.
Es ist kein Zufall, dass beide Plätze aus der gleichen Zeit stammen. Der Entwurf von neuen Spielumgebungen lief in den Fünfziger- und Sechzigerjahren sozusagen auf Hochtouren. Ausgehend von Skandinavien und Holland übertrugen sich neue Ideen und eine grosse Experimentierfreudigkeit auf das restliche Europa und die USA. Während der Architekt Aldo Van Eyck im Nachkriegs-Amsterdam verwaiste urbane Ecken und Hinterhöfe in einfach gestaltete Spielräume und Treffpunkte für Jung und Alt verwandelte, regte in Dänemark der Landschaftsarchitekt C.Th. Sørensen 1943 die Einrichtung des ersten Bauspielplatzes an: ein leerer Platz mit Baumaterial. Dieser «Adventure Playground» stiess besonders in England auf grosse Resonanz, wurde aber auch in den USA aufgenommen und inspirierte Landschaftsarchitekten wie M. Paul Friedberg in New York zur Schaffung innovativer Spielumgebungen. In Zürich-Wipkingen entstand 1954 der erste «Robinson»-Spielplatz - ein «Spielplatz für alle Altersgruppen».

Künstler gestalten Spielplätze

Für die Entwicklung neuer Spielplätze spielte die Kunst eine wichtige Rolle: Künstler wie Isamu Noguchi entwarfen Spiellandschaften, für Architekten/Künstlergruppen wie jene der Ant Farm oder Haus-Rucker-Co war das Spiel zentral. Beständige, von Künstlern gestaltete Spielplätze blieben jedoch die Ausnahme. Einfacher war - dank neuartigen Materialien wie Kunststoff - die Realisation mobiler Plastiken und Elemente, die sich zu Spielmodulen kombinieren liessen und relativ einfach aufzustellen waren. Berühmtes Beispiel ist der bunte «Lozziwurm» des Schweizer Plastikers Iwan Pestalozzi von 1972. Entworfen um mit «heiterironisierender Verspieltheit ... gegen die Widerwärtigkeiten in dieser Welt anzustemmen», wird auf ihm bis heute begeistert herumgekraxelt.
Zurück nach Reinach und Michael Grossert: Auf Anfrage des Architekten Rudolf Meyer gestaltete der Künstler den quadratischen, rund 17 x 17 Meter grossen Schulhof als eine «begehbare Plastik, eine Kunstlandschaft, als Lebensraum für spielende Kinder, ein Formgefüge, das den Besucher umfängt, ihn in eine abgeschlossene, vom Künstler präzis geformte Welt aufnimmt». Grossert hatte weniger ein pädagogisches als ein formal-künstlerisches Programm im Sinn, schon lange trieb ihn das Thema der bemalten und begehbaren Skulptur um. Hier bot sich nun die Gelegenheit, einen schwierigen Raum auf radikale Weise zu gestalten.

Labor zur Entdeckung der Sinne

Eine vergleichbare Gestaltung, die Grossert jedoch nicht kannte, war jene von Le Corbusiers Dachspielplatz der «Unité d'habitation» in Marseille von 1952. Dort wurden mit Betonmauern und -formen Spielnischen gebaut und eine langgezogene Dachlandschaft räumlich gegliedert. Grossert jedoch testete die Grenzen aus und konzipierte seinen Spielhof als Labor zur Entdeckung der Sinne, als Ort, wo das Kind die Welt durch die Bewegung erkundet. Im Gespräch erzählt er, wie eine Lehrergruppe das Modell in seinem Atelier betrachtete und ihn auf potentielle Gefahren aufmerksam machte. Schon bei der Einweihung des Spielhofs gab es Bedenken, Kinder in einer Betonlandschaft spielen zu lassen - eine Rampe, die gefährliche Klettereien ermöglicht hätte, wurde dann im Nachhinein abgetragen. Jeglicher Fallschutz fehlte -
bis heute und trotz EU-Normen. Beeindruckend ist, dass das Kind nicht verniedlicht wird und eine Portion Freiheit erhält: Einen Ort, der es auf sich selbst zurückwirft, ihm keine Ersatzhandlungen anbietet, sondern auf seine Phantasie vertraut, den Raum hüpfend, springend und kletternd in Besitz zu nehmen, und dies auf einer bescheidenen Grundfläche von knapp 300 m2. Die mangelnde Sicherheit war bei der Erneuerung kein Thema, es sind zum Glück in all den Jahren keine gravierenden Unfälle passiert. Der unter Anleitung von Grossert neu bemalte Spielhof - der Autor der Originalbemalung, Theo Gerber, ist 1997 verstorben - hat wieder seine ursprüngliche Frische erhalten und ist zugleich Zeugnis einer intensiven, bis heute aktuellen Auseinandersetzung mit dem Thema Skulptur, Raum und Raumerfahrung.

Neu geschaffene Treffpunkte
Die Robinson-Spielplatz-Idee, die von der Pro Juventute propagiert wurde, entstand aus dem dänischen Bauspielplatz als Ort des autonomen Bauens und Werkens. Der «Robi» sollte zudem musische Tätigkeiten fördern und auch der Quartierbevölkerung als Treffpunkt und Gemeinschaftszentrum dienen. Das damalige pädagogisch-soziale Konzept besitzt zwar bis heute seine Gültigkeit, muss aber den neuen Bedingungen angepasst werden: Dies war die Ausgangslage für die Neuplanung des «Robi Volta» in Basel. Aus der Erfahrung von Andreas Hanslin, Leiter der Robi-Spiel-Aktionen Basel, ist beispielsweise die Nachfrage nach Bauen und Selbstverwaltung -
wie es noch im Ur-Robi-Modell zentral war - heute nicht mehr ausgeprägt. Die kühnen Türme wurden nicht selten von eifrigen Vätern in Fronarbeit erstellt und vom Mythos bauender Kinder und dem kreativen Chaos scheint wenig übrig geblieben. Die Jugendlichen suchen heute vielmehr einen Treffpunkt, andererseits kommen immer mehr jüngere, unbetreute Kinder auf den Platz. Es braucht daher einen multifunktionalen Sozialraum und ein Netz verschiedener Nutzungen. Der «Robi» wird im Idealfall eine Neubelebung eines Quartiers bewirken, ein Ort werden, «wo Energie sich zusammenballt und ausdehnt, wo Kinder und Eltern sich treffen.»
Die Neu-Planung des Robi-Dorfes und die Sanierung von Grosserts Skulpturenhof zeigen nicht nur, welche Bedeutung Spielplätze für die Öffentlichkeit haben und wie mit historischen Konzepten umgegangen werden kann. Es wird plötzlich klar - und wir hätten es schon lange merken müssen - dass Spielplätze nicht nur Orte für Kinder sind, sondern Erfahrungswelten, die komplexe Herausforderungen an Kunstschaffende und Gestalter stellen. Warum zum Beispiel wurden Fischli/Weiss noch nie angefragt, einen Spielplatz zu entwerfen, nachdem sie doch nicht nur Meister des Spiels sind, sondern selbst bereits versichert haben: «If somebody would come and suggest we should design a playground, I would say «Yes».»

Gabriela Burkhalter, Politologin und Raumplanerin, lebt in Basel.



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Ausgabe 10  2010
Institutionen New Jerseyy [Basel/Schweiz]
Autor/in Gabriela Burkhalter
Künstler/in Michael Grossert
Link http://www.architekturfuerkinder.ch
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