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Gastlabor
10.2010




The Big Draw Berlin - Das grosse Zeichnen


  
Nadine Rossa · Big Draw Berlin, 2009, Museum für Kommunikation


Berlin — Im Oktober lädt das Berliner Festival ‹The Big Draw› zum grossen Zeichnen ein. In Museen, Galerien, Jugendkunstschulen, auf der Strasse und an öffentlichen Plätzen fordern Künstler/innen und Kreative mit offenen Zeichenaktionen und Workshops dazu auf, die Auseinandersetzung mit Papier und Stift zu wagen. Das Festival richtet sich dabei vornehmlich an Erwachsene und möchte an die kindliche Selbstverständlichkeit, die Welt mit dem Stift zu erkunden, erinnern.
‹The Big Draw Berlin› wurde erstmals im August 2009 in Berlin lanciert und folgt dem englischen Vorbild der in London situierten ‹Campaign for Drawing›. Zeichnen wird hier – nicht nur als eine Form des Kunstschaffens, sondern als elementare Grundlage des Sehens verstanden – ein vitales Werkzeug zum Denken, Erfinden und Kommunizieren. In seinem ersten Jahr konzentrierte sich das Festival zunächst auf die Kooperation mit Museen und nutzte die ‹Lange Nacht› als Plattform. Die Zweifel, ob der Druck, in einer Nacht möglichst viele Veranstaltungen zu besuchen, mit der Langsamkeit des Zeichnens vereinbar wären, erwiesen sich als unbegründet. Hunderte Besucher/innen nutzten die Gelegenheit, zu Papier und Stift zu greifen.
Die Idee des Festivals ist einfach: An die Stelle der rezeptiven, meist sprachlichen und intellektuellen Begegnung mit den Künsten tritt die Aktivität des Zeichnens. Damit schlägt das Festival eine Brücke zwischen alltäglicher Praxis und Kunst. Es versucht das Zeichnen als Zugang zu zeitgenössischen künstlerischen Positionen zu nutzen, die enorme Spannbreite des Zeichnens sichtbar zu machen und gleichzeitig dessen Stellenwert als elementare Kulturtechnik zu stärken. Dabei fungieren diverse Aufforderungen zum Zeichnen an verschiedenen Festivalorten als sogenannte «icebraker», welche auch die grundsätzlich immer zur Verfügung stehende Möglichkeit des individuellen Zeichnens an allen denkbaren Orten deutlich machen.
In diesem Jahr agiert ‹The Big Draw Berlin› nun als eigenständige Veranstaltung. Obwohl die Kooperationen mit Museen und andere Kunsteinrichtungen zentrales Anliegen des Festivals bleiben, erweitert es mit zeichnerischen Interventionen im Stadtraum und einwöchigen Satellitenprojekten seinen Wirkungsradius. Eine grosse, von vier Künstler/innen entwickelte, Zeichenaktion im Atrium der Deutschen Bank Berlin bildet die zentrale Festivalveranstaltung. Alle eingeladenen Künstler/innen setzen sich in ihrer Arbeit in unterschiedlicher Weise mit dem Genre der Zeichnung auseinander. Stefan Endewardt & Annette Knol erforschen in ihrem Projektraum ‹Kotti-Shop› kollektive zeichnerische Methoden der Kunstproduktion. Thorsten Sreichardt arbeitet mit Ton und Zeichnung, während Anna Zosik, die Initiatorin des Oldenburger Zeichenfestivals ‹Ausgezeichnet›, formale Aspekte untersucht.
Die Künstler/innen, die gleichzeitig auch Teilnehmer/innen und Impulsgeber/innen sind, entwickelten zu Fragen gesellschaftlichen Handelns eigens für das Festival Herangehensweisen im Umgang mit Materialien, Form und Technik. Die Besucher/innen werden eingeladen, diese anzuwenden oder eigene Strategien ihrer Nutzung zu entwickeln. So beispielsweise, wenn sich die Teilnehmenden beim ‹Freilautzeichnen› mit Thorsten Streichardt mit der Übertragung von Geräuschen auf Papier auseinandersetzen und sich dabei nicht nur mit dem Konzept des Künstlers befassen, sondern dabei auch die Übertragung von Tönen in eine abstrahierte visuelle Sprache erproben. Die Übergänge zwischen gemeinsamer Kunstproduktion und Vermittlung sind hier fliessend. Am Ende steht ein kollektives Werk – ein Sammelsurium verschiedener Zeichensetzungen. Die Entwicklung einer solchen, auf Partizipation angelegten Aktion ist eine Herausforderung. Viele Interessen prallen aufeinander: Zum einen der Anspruch, eine Auseinandersetzung zu initiieren, die künstlerisch auch in ihrem Ergebnis für alle Beteiligten herausfordernd und damit befriedigend ist, und zum anderen das vermittlerische Interesse, Personen mit unterschiedlichsten Fertigkeiten zahlreiche Gelegenheiten zur Teilnahme und Interaktion zu eröffnen.
Neben dem Zeichnen selbst, bietet das Festival auch die Möglichkeit zur Reflexion des Geschehens. Eingeladen ist die Schweizer Künstlerin und Dozierende der HKB, Béatrice Gysin, ihr Buch ‹Wozu zeichnen? Qualität und Wirkung der materialisierten Geste durch die Hand› vorzustellen. Gysin stellt Fragen, die für das Festival relevant erscheinen und mit Expert/innen aus Kunst und Vermittlung diskutiert werden: Wozu zeichnen? Was bewegt Kinder, Jugendliche, Erwachsene dazu, mit Leidenschaft zu zeichnen, diese Tätigkeit gar ins Zentrum ihres Berufsalltags zu stellen?
Gysin wird im Rahmen des Festivals auch eigene Zeichnungen im RAUM 29 ausstellen. ‹lost in fragments› zeigt Arbeiten, die wie verdichtete Spuren, seismographische Aufzeichnungen wirken. Gleichzeitig hat sie eine freie Zeichensituation für Besucher/innen in die Ausstellung integriert. Ein Tisch, bedeckt mit weissem Papier und Stiften, steht bereit: «Sehe ich? Was sehe ich, wenn ich sehe»? Diese Fragen laden die Betrachtenden ein, zu notieren, in welche Erinnerungsräume sie die Zeichnungen an der Wand führen. Im Laufe der Ausstellung sammelt die Künstlerin diese Notate zu einer Dokumentation.
Mit den vielen grossen und kleinen Aktionen, Diskussionen, Interventionen und der Projektarbeit versucht das Festival neue Verbindungen zwischen zahlreichen mit dem Zeichnen in Verbindung stehenden Szenen zu knüpfen. Es ist ein experimentelles Vorgehen, die Teilnahme erfordert ein Umdenken. Denn entgegen der üblichen Praxis stellen die Künstler/innen ihre eigenen Arbeitsweisen zur Disposition und tragen damit zur Entmystifizierung des Kunstschaffens bei.

Bis: 08.10.2010



Links

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Ausgabe 10  2010
Autor/in Anna Chrusciel
Link http://www.thebigdrawberlin.de
Link http://www.thebigdraw.org
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