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Besprechung
10.2010


Lucia Angela Cavegn :  Die von Dorothee Messmer kuratierte Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau befasst sich mit dem Geheimnis(-vollen) in der zeitgenössischen Kunst. «Schritte ins Verborgene» lüftet nicht nur gut gehütete Geheimnisse, sondern zeigt auf, wie das Geheimnisvolle als künstlerische Strategie funktioniert.


Warth : Schritte ins Verborgene - Kunst und das Geheimnisvolle


  
Marcus Coates · Journey to the lower world, 2004, Videostill


n der heutigen, wissenschaftlich, kommunikationstechnisch und medial erschlossenen Welt befindet sich das Geheimnis auf dem Rückzug. Die Kunst hat die Religion als Hort des Geheimnisses abgelöst. Kunstschaffende interessieren sich nicht nur für geheimes Wissen, sondern ebenso für Formen der Verhüllung und der Enthüllung. Marcus Coates begeht in seinem Video «Journey to the lower World» vor erwartungsvollem Publikum ein schamanistisches Ritual. Die vermeintliche, aus tieferem Wissen geschöpfte Weissagung wirft die Fragenden auf sich selbst zurück. Coates erweist damit dem Altmeister der auratischen Selbstinszensierung Reverenz: Von Joseph Beuys sind «I like America and America likes me» und «Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt» zu sehen.
Eine geradezu unheimliche Installation zeigen Glaser/Kunz mit «Voices III». Das Duo fragte im Jahr 2008 Künstler und Poeten aus südafrikanischen Townships nach ihren Hoffnungen und Wünschen und filmte sie bei ihren Aussagen. Die Aufnahmen werden auf die Gesichter von sechs in Wolldecken gehüllte Figuren projiziert, so dass diese ungemein lebensecht wirken. Von einer Befragung geht auch die Arbeit «Secrets» von Elodie Pong aus. Zwischen 2001 und 2003 lud sie Menschen dazu ein, ihr Geheimnis gegen Bezahlung vor laufender Kamera preiszugeben. Die filmische Sammlung mit 300 «Beichten» dauert neun Stunden und besitzt voyeuristisches Potenzial. Trevor Paglen deckt auf, was die Öffentlichkeit nicht wissen sollte. Über die Jahre hinweg trug er Informationen über Geheimdienstprogramme der US-amerikanischen Regierung zusammen, stöberte versteckte Militärbasen auf und fotografierte diese insgeheim. Ein ominöser Helmut Prohaska verschickte im Vorfeld der Ausstellung handgeschriebene Briefe mit der Aufforderung zu einem letzten Treffen, die zum Amüsement, aber auch zu Verunsicherung führte. Keine Kunstfigur, jedoch eine schwer fassbare Persönlichkeit ist Lindsay Seers. Sie begann erst im Alter von acht Jahren aufgrund einer Fotografie, auf der sie sich erkannte, mit den Worten «Is this me?» zu sprechen. Später fotografierte sie obsessiv ihre eigene Umgebung, indem sie lichtempfindliches Papier in ihren Mund legte.
Eine Ausstellung in der Ausstellung ist die vom Cabaret Voltaire übernommene Hommage an Arthur Cravan mit Arbeiten von Kerim Seiler, Jonathan Meese u.a. Erhellende Einsichten bieten die Texte von Dorothee Messmer und Tim Kammasch im broschierten Ausstellungsführer.

Bis: 12.12.2010



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Ausgabe 10  2010
Ausstellungen Kunst und das Geheimnisvolle [20.06.10-12.12.10]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum Thurgau [Warth/Schweiz]
Autor/in Lucia Angela Cavegn
Künstler/in Marcus Coates
Künstler/in Glaser/Kunz
Künstler/in Elodie Pong
Künstler/in Trevor Paglen
Künstler/in Helmut Prohaska
Künstler/in Lindsay Seers
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