Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
10.2010


Dominique von Burg :  Dem Sog von Uwe Wittwers berückend schönen und sinnlichen Bildern kann man sich kaum entziehen. Selbst dann nicht, wenn hinter intakten Fassaden Abgründiges lauert. Die fein orchestrierte Ausstellung in den Räumen der Galerie Lullin + Ferrari erlaubt nun einen Blick auf dieses Mysterium.


Zürich : Uwe Wittwer - Der unbekannte Fotograf


  
links: Uwe Wittwer · Reiter, 2010, Öl auf Leinwand, 140 x 200 cm
rechts: Uwe Wittwer · Haus negativ Faller, 2010, Öl auf Leinwand, 30 x 25 cm


Ein lebensgross gemalter Fotograf steht in einem vage angedeuteten Waldstück und richtet seine Kamera auf den Betrachter. Als Vorlage der schemenhaften Figur diente Uwe Wittwer (*1954, Zürich) eine Fotografie. Der unbekannte Fotograf steht metaphorisch für Wittwers Strategie, das Internet und anonyme Fotodokumente als Bildquelle zu verwenden. Er bearbeitet die Motive elektronisch, filtert oder verfremdet sie, um sie dann auf die Leinwand zu übertragen. Mehr als die Skizze interessiert ihn der Malakt. Mal entstehen schattenhafte Menschengruppen, mal Landschaften, mal reduzierte Stadtansichten oder Stillleben. Eine Schneelandschaft mit spiessbürgerlich normierten Häusern - offenbar Bienenhäuser aus Ostpreussen - lenkt in ihrer melancholischen Poesie den Blick auf eine längst brüchig gewordene Idylle. Vielfach erinnern die Bilder in blassen ausgebleichten Farben an vergilbte oder überbelichtete Fotografien; entfernt auch an die verwischten Fotobilder von Gerhard Richter. Die immer wieder auftretenden Leerstellen sind mit vielfachen Bedeutungen aufgeladen. Dabei repräsentieren die Bildmotive nicht eine sichtbare Realität, sondern hinterfragen unsere Sehgewohnheiten.
Trotz diesen Verfremdungen erkennt man Motive aus der Kunstgeschichte. «Reiter», 2010, zeigt ein sich drehendes Karussell mit Holzpferden, die in ihrer Konstellation und der Umkehrung ins Negativ an Schlachtendarstellungen von Paolo Uccello erinnern. Indem Wittwer die Malerei der alten Meister reflektiert und variiert, reiht er sich gleichzeitig in die Phalanx der Klassiker ein. Gelegentlich eignet er sich das Fremde an - so ein Intérieur mit drei Frauen von Jean-Baptiste Chardin -, isoliert Details, vergrössert sie, setzt gezielt Flecken und überlagert die Komposition mit anderen Motiven. Oft lässt Wittwer nur mit einem einzelnen Pinselstrich ein sich zusammendräuendes Geschehen erahnen. So können in einem Interieur überdimensionale Blumen wuchern, oder schwarze Flecken breiten sich auf unheimliche Weise aus.
Wittwer beschäftigt sich mit der Wahrheit des Bildes, der multiplen Brechung der Realität, sowie der Rolle des Künstlers als Bildersammler. Bei seinen malerischen Recherchen entfernt er sich zunehmend vom Gegenständlichen hin zu abstrakten Kompositionen. Laufend befragt Wittwer Bilder nach ihrer Veränderung durch die Erinnerung. Dabei verwandelt er fotografische Vorlagen in nur undeutlich lesbare, geheimnisvolle Bilder, die trotz den Spuren diverser Abstraktionsprozesse ihre sinnliche Qualität erhalten.

Bis: 23.10.2010



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 10  2010
Ausstellungen Uwe Wittwer [28.08.10-23.10.10]
Institutionen Lullin + Ferrari [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Uwe Wittwer
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=101006221823SAR-13
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.