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Besprechung
10.2010


Patricia Grzonka :  Die neuen Arbeiten von Daniela Keiser basieren auf Fotografien, die zum Teil während eines Aufenthalts in Ägypten entstanden sind. Die aktuelle Ausstellung ruft unterschiedliche narrative Momente auf - dokumentarische Fotoserien, ein Zeitungsprojekt sowie Formen «multipler Geschichtsschreibung».


Basel : Daniela Keiser, «Ar und Or»


  
Daniela Keiser · Anarosa Nurdein, 2010, Fotografie, 47 x 32 cm


Die Einladungskarte zeigt eine Szene in den Bergen: Ein Kind in einem bunten Rock mit gemustertem Strickpulli barfuss auf einer Matratze im Freien stehend. Den Kopf des Kindes sieht man nicht, er wird von einem breitkrempigen Hut verdeckt, der gerade vom Gesicht rutscht. Die Szene hat etwas Burleskes, sie spielt irgendwo in den Schweizer Alpen, aber sie scheint nicht recht dorthin zu passen. Diese Karte ist ein stimmiger Einstieg in Daniela Keisers Ausstellung «Ar und Or», die keineswegs das Alpine verhandelt, sondern hauptsächlich visuelle Eindrücke eines dreimonatigen Aufenthalts der Künstlerin und ihrer Familie in Ägypten wiedergibt. Wie das Unvorhergesehene, das Täuschende und das Überraschende hier zusammenspielen - dies zieht sich als Thema durch die gesamte Ausstellung.
Den Anfang macht die Installation «Nachtcafé» mit 129 Fotos an den Wänden. Die Aufnahmen zeigen eine Strassenszene in Kairo mit einem Café aus der Vogelperspektive der 9. Etage, wo sich Keisers Atelier befand. Das Lokal wechselte seine Funktion mit den Tageszeiten, so war es bei Nacht vor allem kommunikativer Treffpunkt, während es tagsüber auch als Autoreparaturwerkstatt genutzt wurde.
Unter dem Titel «Kairo Übersetzung» widmet sich ein weiterer Teil der Ausstellung einem Projekt, das in ganz unterschiedlichen Formaten und Medien realisiert wurde. Ausgangspunkt sind auch hier Fotografien aus Ägypten, die den Alltag und die Lebensrealität dokumentieren, ohne einem zu eng gefassten ethnografischen Blick Raum zu geben. So versucht Keiser eine stereotype touristische Wahrnehmungsweise zu vermeiden, selbst dann, wenn die Pyramiden ins Bild rücken. Ihr Interesse manifestiert sich vielmehr auch an improvisierten Architekturen und Strukturen, die es nicht nur in Ägypten gibt. Diese vorgefundenen urbanistischen und landschaftlichen Situationen mischen sich mit Fotos aus dem näheren Umfeld. Zwölf solcher Aufnahmen bildeten die Vorlagen, die Keiser zwölf Bewohnerinnen und Bewohnern Kairos vorlegte, mit der Bitte, eigene handschriftliche Texte und Kommentare dazu zu verfassen. So präsentiert sich das Projekt als ein kollektiver Gegenentwurf zu gängigen Dokumentationsverfahren, in dem die schwierige Frage der Repräsentation und der künstlerischen Autorschaft subtil gelöst wurde.
Der überraschende Nachsatz auch hier: Die sandigen Wüstenbilder in den ersten Räumen der Galerie werden zum Schluss konterkariert mit Aufnahmen eines früh-, spät- oder hochwinterlichen Städtchens «Moutier».

Bis: 30.10.2010



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Ausgabe 10  2010
Ausstellungen Daniela Keiser [03.09.10-30.10.10]
Institutionen Galerie Stampa [Basel/Schweiz]
Autor/in Patricia Grzonka
Künstler/in Daniela Keiser
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