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Besprechung
10.2010


Miriam Wiesel :  Hat sich da jemand zu weit aus dem Fenster gelehnt? Man mag kaum glauben, dass sich hinter dem Titel Werke verbergen, die sowohl sinnlich wie künstlerisch einen Zugang schaffen zu drängenden Problemen wie Klimawandel und Umweltzerstörung, Artenverlust und kulturelle Homogenisierung.


Berlin : Zur Nachahmung empfohlen!


  
links: Jae Rhim Lee · The Infinity Burial Project, 2008 - wird fortgeschrieben, Installation (Mit Pilzsporen imprägnierter Anzug zur Kompostierung eines toten Körpers. Foto: Marcus Lieberenz/Bildbühne
rechts: Clement Price-Thomas · The Guide, Künstliche Atemmaschine, Blätter,2007-2010, Grösse variabel. Foto: Marcus Lieberenz/Bildbühne


Kunst oder Wissenschaft? Handarbeit oder Recycling? Bestattungskult oder Ökologie? Schubladendenken hat in der Ausstellung «Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit» nichts verloren. Denn an der Frage der Zuständigkeit, hat Adrienne Goehler während ihrer kurzen Amtszeit als Kultursenatorin von Berlin gelernt, scheitert selbst ambitionierteste Politik. Als Kuratorin engagiert sie sich daher für ein disziplinenübergreifendes Projekt, das fünf vor zwölf eine lustvolle Gratwanderung zwischen wildem Denken und glasklarer Gegenwärtigkeit versucht.
Fotografien und Installationen, Skulpturen und Videos - u.a. zu Gewährsmann Joseph Beuys (1921-1986), der 1982 in Kassel mit «7000 Eichen» ein künstlerisch und ökologisch nachhaltiges Projekt initiierte -, Performances und Lectures: Das Programm ist breit und gemischt. Und ebenso vielfältig sind die Positionen. Es geht um Trinkwassergewinnung (Zwischenbericht) und um Sonnengesänge (Marlen Liebau/Marc Lingk), um einen «atmenden» Laubhaufen (Clement Price-Thomas) und den Energieverbrauch durchs Internet (Michael Saup), Klimaflüchtlinge (Hermann Josef Hack) und Notfallversorgung (Dan Peterman), Plastikmüll (Dodi Reifenberg), das Greenwashing von BP (Tue Greenfort), die Flutung einer McDonald's Filiale (Superflex), den Transfer von Kapital an die notleidende Bundesbank (Christin Lahr) und die Beleuchtung verschatteter Bereiche mittels Sonnenspiegeln (Christoph Keller).
Artenvielfalt und Artenschwund als Spiegelbild unserer bedrohten Kultur ist ein Thema der Fotografin Ursula Schulz-Dornburg (*1938, Berlin). Sie präsentiert 60 verschiedene Weizensorten aus einer Gen-Bank mit 66'000 archivierten und katalogisierten Weizenarten - eine lebenswichtige Kulturpflanze, die aus kurzsichtigen Rentabilitätsgründen heute nur noch in wenigen Varianten existiert. Die Aquarelle und Studien von Cornelia Hesse-Honegger (*1944, Zürich) aus der Serie «Heteroptera», der lateinische Name für Blattwanzen, hingegen zeigen die Missbildungen der schönen Insekten, die sie seit dem Unglück von Tschernobyl im Umkreis von Atomanlagen weltweit gesammelt hat. Geringe radioaktive Strahlung, von der Wissenschaft als vernachlässigbar deklariert, wird von den Larven der Wanzen aufgenommen, deren schnelle Generationenfolge sie als Bio-Indikatoren prädestiniert - ein ernüchternder Anblick angesichts der aktuellen Diskussion um Laufzeitverlängerungen für AKWs.

Bis: 10.10.2010


Weitere Stationen: u.a. Wendland, Dessau, Ingolstadt, Neuburg, Pfaffenhofen, St. Petersburg, Melbourne, Athen. Mit Katalog



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Ausgabe 10  2010
Institutionen Uferhallen 8-11 [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
Link http://www.z-n-e.info
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