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Fokus
11.2010


 Welch ein Abgesang, welch eine Bestattungsfeier! Ginge jedes Erlöschen mit solchem Auftritt, jedes Ende mit so eindrücklichen Bildern einher, dann wären Tod und Abschied mit weniger Angst und Schrecken besetzt. Das Zürcher Künstlerpaar Christina Hemauer und Roman Keller inszeniert den Abgesang der Edinsonschen Licht-Aera.


Christina Hemauer & Roman Keller - Poesie der Verschwendung/ Energie des Aufbruchs


von: Brita Polzer

  
links: Sun Engine, Kairo Biennale 2008 (oben); Sun Engine, Maadi 2008 (unten). Anlässlich der Kairo-Biennale recherchieren Christina Hemauer & Roman Keller eine vergessene Episode der frühen kommerziellen Nutzung von Solar-Energie. 1913 baute der amerikanische Ingenieur und Erfinder Frank Shuman in der Nähe von Kairo den ersten grossen Solar-Generator auf, um eine Bewässerungspumpe anzutreiben. Mit dem ersten Weltkrieg und der einsetzenden Vorherrschaft des Öls wurde dem vielversprechenden Projekt ein Ende gesetzt.
rechts: Studio Frauenfeld: L'Energia siamo noi, Chorprobe mit Winterthurer Singfrauen, 2008, Videostill. Bühnenbau. Für die Gruppenausstellung «Moralische Fantasien», 2008, komponierte und studierte das Künstlerpaar mit der Bevölkerung vor Ort, ganz in der Tradition der «Internationale», ein Gesangsstück ein, das während eines Marsches vom Kunstmuseum des Kantons Thurgau ins Shed im Eisenwerk uraufgeführt wurde. Auf einer rollbaren Bühne fanden zudem diverse Gespräche mit Vertretern aus Kunst, Wissenschaft und Politik statt. Thema waren die Zusammenhänge von avantgardistischen Kunstbewegungen und Rohstoffen. Ausgangspunkt war die sechsbändige «Encyclopedia of Energy», ein 2004 erschienenes Nachschlagewerk, in dessen Glossar die Energie-relevanten Geschehnisse seit der Entstehung unseres Universums stichwortartig zusammengefasst sind.


Die Serie von Fotografien zeigt Gluehbirnen in ihren letzten Sekunden. Aus zerbrochenen Glaesern steigen Rauchschwaden auf, wobei jede Birne mit einer eigenen Performance ueberrascht. Christina Hemauer und Roman Keller halten in "End of Life (Beitrag zur Ineffizienz der Poesie)" das Vergehen alltaeglicher Gebrauchsdinge fest als handle es sich um eine spirituelle Sitzung, als koennten auch Dinge eine Seele besitzen, die sie in einem letzten Aushauchen gen Himmel schicken. Anlass fuer den fotografischen Auftritt sind die Lichttage in Winterthur und eine von Osram und dem Stadtwerk Winterthur geplante Umtausch-Idee, die vorsieht, dass alte Gluehbirnen gegen neue, umweltfreundlichere ausgetauscht werden koennen. Weil die herkoemmlichen Gluehlampen Energiefresser und den heutigen Energieeffizienzanspruechen nicht mehr angemessen sind, werden sie nach und nach bis 2013 aus dem Verkehr gezogen. Die Gluehbirne, 1879 in ihrer praktischen Nutzbarkeit erfunden, stirbt also aus und das Kuenstlerpaar zelebriert den Abgesang. Das Glas wird kurz mit einem Bunsenbrenner erhitzt, anschliessend in kaltes Wasser getaucht, woraufhin es zerspringt. Der innen liegende elektrische Leiter, der Gluehwendel - nun nicht mehr von Schutzgas und Glaskolben abgeschirmt - kommt mit Luft in Kontakt und verbrennt, sowie die Fassung noch einmal mit Strom kurzgeschlossen wird, er dampft ab.

Scheitern
Die Edisonsche Gluebirne hat waehrend gut hundert Jahren funktioniert, zieht man sie jetzt aus dem Verkehr, laesst sich das kaum als Scheitern betrachten. Aber ein Endpunkt, eine Aufgabe ist eingetreten - Zustaende, fuer welche sich die Kuenstler interessieren. Haeufig recherchieren sie Projekte, die mit guten Absichten begonnen und dennoch gescheitert sind, beispielsweise in "Sun of 1913", 2008, das von einer vergessenen Sonnenenergieanlage in Kairo berichtet, oder in "A Road not taken", 2010 (>= KB 06/2010, S. 97), das sich mit einer vom US-Praesidenten Jimmy Carter vergeblich gefoerderten Solaranlage auseinandersetzt. Hintergrund fuer die Beschaeftigung mit erneuerbaren Energieproduktionen ist das heute kaum noch zu bewaeltigende oekologische Desaster. Das Kuenstlerduo zeigt, dass es nicht soweit haette kommen muessen, warnende Stimmen und alternative Projekte waren schon frueh vorhanden. Eine "Verkleinerung des Denkraums", eine Laehmung haette so weit gefuehrt, stellen die Kuenstler fest, dem gelte es nun nicht Bierernst sondern einen spielerischen und auch humorvollen, nichtsdestoweniger sehr ernst gemeinten Zugang entgegenzusetzen. Beispielsweise indem man "Geschichten schenkt". Mit Freude an aufwaendigen Recherchen graben die Kuenstler historische Begebenheiten aus, die sie alsdann mit (erfundenen) Geschichten oder neuen Erlebnissen lebendig machen. So wie jede einzelne Gluehbirne im Vergehen von ihnen einen eigenen Charakter erhaelt, so werden auch Sonnen- oder Solarprojekte, bzw. die mit ihnen verbundenen Personen, mit einer emphatischen Biographie bedacht - fast als handle es sich um Maertyrer, die sich mit ihren zukunftsweisenden Ideen nicht durchsetzen konnten. Ob es sich um Liebesgeschichten, um religioese Intentionen oder um technische Errungenschaften handelt - "gescheiterten Projekten haftet etwas sehr Poetisches an. Indem sie nicht mehr funktionell sind, sind sie gleichsam losgeloest, sie haben ihren Dienst nicht getan. So koennen sie Symbole werden".

Aufbruch
"Unser Untersuchungsfeld ist Energie im weitesten Sinn", sagen die Kuenstler - technische Energie, mit der man Strom und Waerme gewinnt, auch magische Energiefelder und vor allem die Energie, mit der wir unser Leben bestimmen. Energie kann verpuffen, sie kann scheitern, aber dabei lassen es Hemauer/Keller nicht bewenden. Um aktivistischen Input zu initiieren, bieten sie verschiedene Buehnen- oder auch Sprechpult-Modelle mit oeffentlichem und politischem Anspruch an, auf denen man den Auftritt, allein oder mit anderen, erproben kann - "ohne grad einem wissenschaftlichen Anspruch genuegen zu muessen". Den Ort, an dem Jimmy Carter seine wichtigste, die Solarenergie betreffende Rede hielt, haben sie mit Theaterleuchten als Buehne inszeniert, denn der Rueckgriff auf die Geschichte wird weniger als l'histoire pour l'histoire verstanden, als relevant fuer das Hier und Jetzt gemacht. Die damalige Aktivitaet soll eine heutige inspirieren. "Wir wollen Orte schaffen, um zu aktivieren. Man soll die Buehne besteigen, um auf ihr ueber etwas nachzudenken. Und es soll klar werden, dass wir es sind, die sich bewegen muessen zu einem anderen Potential. Die Menschheitsgeschichte ist voll von Unglaube. Der Umdenkungsprozess ist Hauptinteresse unserer Arbeit". Um das Umdenken zu lancieren, bieten sie neben Informationen, Geschichten und Buehnen verschiedene Tools an, wie aufbegehrende Choere oder auch ein Manifest, um die Energieflamme zu entzuenden. Ein "Chor vermittelt Aufbruchstimmung, Singen eint, staerkt, gibt Mut und Kraft", begruenden die Kuenstler. "Wir wollen singend ins neue Zeitalter aufbrechen mit dem ganzen Hintergrund der Arbeiter- oder Widerstandslieder". Im Manifest weisen sie auf den Zusammenhang der Entwicklungsgeschichten von Kunst und Energie hin, um festzustellen, dass ueber die Entwicklung von Ersatztechnologien hinaus "keinerlei Vorstellungen oder Szenarien von der Zeit nach dem Peak Oil" vorhanden sind: "Hier kommt die Kunst ins Spiel. Da tut sich ein riesiger Raum auf. Neue Bilder sind gefragt, alternative Lebensentwuerfe und Visionen. Von wem wollen Sie das sonst erwarten? Vielleicht koennte Kunst ja auch etwas ganz Praktisches werden...". Zum Beispiel indem sie neue Verschwendungsmoeglichkeiten und damit begehrenswerte Lebensentwuerfe schafft. Denn - so die Kuenstler - "Glueck hat immer mit Verschwendung zu tun".

Verschwendung
Von Osram erhielten die Kuenstler eine grosse Kiste voller Gluehbirnen geschenkt und mit Genuss zerstoeren sie nach und nach diese Fuelle, indem sie Stueck fuer Stueck aufleuchten lassen. Verschwendung sei in den Ritualen aller Kulturen verankert, ohne das wuerde einem die Kehle zugeschnuert. Verschwendung sei - wie das Scheitern - etwas, was ohne funktionale Einbindung passiert und was sich dem Effizienz-Diktat der Gesellschaft widersetzt. Statt mit immer noch effizienteren Technologien auf das oekologische Dilemma zu reagieren, um den bisherigen konsumistischen Lebensstandard weiterfuehren zu koennen, gelte es Bilder fuer andere Verschwendungsmoeglichkeiten zu entwickeln. Ein bluehender Kirschbaum kommt in den Sinn und das Duo spricht von Zeit, die es gern in verschwenderischer Fuelle zur Verfuegung haette. Fuer ein (gescheitertes) Kunst und Bau-Projekt schlugen sie einen Bienenstock auf einer Liegenschaft vor. Den Honig haetten die Bewohner/innen ernten koennen, das Wachs haette man einmal pro Jahr in festlichem Rahmen verpufft. Die Zitate - ausser den Manifestangaben - stammen aus einem Gespraech mit dem Kuenstlerpaar im September 2010.


Umtauschaktion, Winterthur, 11. und 18.11., 15 bis 21 Uhr, Kasinoplatz Fuer jede funktionierende Gluehbirne erhalten die Besucher/innen eine Energiesparlampe zum halben Preis. Die kuenstlerische Verbrennungsaktion wird mit einer Foto- und mit einer Hochgeschwindigkeitskamera festgehalten. Die Fotografien sind mittels Postkartendrucker direkt fuer die Besucher/innen erhaeltlich, die Videoaufnahmen werden als einzelne Clips auf einer Leinwand gezeigt

Umtauschaktion, Zuerich, im Rahmen von , Plakatraum Museum fuer Gestaltung, 18.12., 16-22 Uhr

Gespraechsreihe Inter-Aktion. Dialog zwischen Kunst, Natur und Wissenschaft, 25.11., 18-19.30 Uhr, Forschungsanstalt ACW, Waedenswil

Im Rahmen des Projekts findet ein Gespraech zu Ethik und Nachhaltigkeit statt. Christina Hemauer & Roman Keller, die Kuenstlergruppe RELAX (chiarenza, hauser & co.) sowie Lino Sibillano & Stefanie Wettstein sprechen ueber ihre Projekte im oeffentlichen Raum, die Synthesen und Widersprueche politischer, privatwirtschaftlicher und ethischer Interessen offen legen.



Links

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Ausgabe 11  2010
Autor/in Brita Polzer
Künstler/in Christina Hemauer
Künstler/in Roman Keller
Link http://www.lichttage.ch
Link http://www.dezemberbuecher.ch
Link http:// www.wädenswil.ch/kultur/landart_im_schlosspark
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