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Fokus
11.2010


 Grossformatige, schwarz-weisse Wandmalereien verbunden mit Raumobjekten sind seit Jahren das wichtigste Medium der Basler Künstlerschwestern Claudia und Julia Müller. Ihr neustes Werk, «Der Spaziergang (Passage)», zeigen sie in der Ausstellung im Museum Franz Gertsch in Burgdorf - Anlass für ein Gespräch über Robert Walser, romantische Landschaften, Blickräume und Panoramen.


Claudia und Julia Müller - Dräuende Landschaften


von: Konrad Tobler

  
links: Spaziergang (Passage), 2010, Rauminstallation, Wandmalerei (Mineralfarbe auf Wand), Ad hoc Plastik (Holz, Gips und Acryl). Courtesy Galerie Peter Kilchmann. Foto: Bernhard Strahm
rechts: Schwarzer Scherenschnitt (Clown), 2008, Bleistift und Scherenschnitt auf Papier, 67 x 50.5 cm. Courtesy Galerie Peter, Kilchmann, Zuerich


Tobler: Die Wandmalerei und Installation im Museum Franz Gertsch heisst «Der Spaziergang». Es gibt von Robert Walser ein kleines Prosastück mit dem gleichen Titel. Ist es euer Anliegen, dass man vor den Bildern gewissermassen «schrittwechselt», gemächlich flaniert, wie das Walser beschreibt?
Claudia Müller: Die Analogie ist deswegen interessant, weil in unserer aktuellen Arbeit im Kunsthaus Aarau eben ein Zitat von Walser vorkommt, angebracht auf einer Sitzbank, die zum Verweilen einlädt. Walser ist für uns in dem Sinn wichtig, weil seinen Landschaftsbeschreibungen immer auch eine gewisse Melancholie eigen ist...
Julia Müller: ...und eine Subjektivierung. Ein Baum, eine Wolke können bei ihm ein Subjekt werden.
Claudia Müller: Das Werk, über das wir sprechen, heisst zudem nicht nur «Spaziergang», sondern auch «Passage». Das weist auf eine geführte Seh-Reise hin, auf die organisierte Überquerung eines Ozeans etwa. Der Spaziergang verweist dagegen eher auf das Ziellose, Ambulante. Wir lenken also den Blick, zugleich ist es uns wichtig, dass der Blick umherschweifen, verweilen kann, Freiheiten hat, zwanglos ist.
Julia Müller: Das ist ja ein klassisches Thema in der Kunst - der Mensch in der Landschaft, der Mensch, der in der Landschaft aufgeht. Wir haben dazu verschiedene Recherchen gemacht und zusammengetragen, was es zu diesem Thema gibt und was wir schon bewusst wahrgenommen haben. «Der Spaziergang» ist wie ein Film angelegt, in dem es relativ viele Wechsel der Szenerien gibt. Es taucht sogar ein Blick in die Unendlichkeit auf, der fast ein wenig an den Blick in den Tod erinnert. Es gibt Zerstörung und Ruhe, all die Stimmungen, die das Leben ausmachen.
Claudia Müller: Vielleicht ist es zugleich ein Versuch, der Komplexität eine gewisse Einfachheit entgegenzuhalten. Die Einfachheit ist das Moment der immer wieder auftauchenden zwei Personen in der Landschaft, die den fragmentierten, wechselnden Bildern eine Art von Verlässlichkeit geben. Es war uns ein Bedürfnis, in der Instabilität ein Gefühl der Konstanz und der Sicherheit zu schaffen.
Passanten-Paare
Tobler: Diese wiederkehrenden zwei Personen in Rückenansicht erinnern zudem an Motive der romantischen Malerei: Wir als Betrachter sehen anderen beim Betrachten zu. In der Literatur würde man diese Figuren «Erzähler-Ich» nennen. Auffällig ist dabei, dass eines dieser Paare offensichtlich Kinder sind. Wie stark sind eure Bilder Erinnerungsbilder, Spaziergänge der Erinnerung?
Julia Müller: Das Moment der Erinnerung besteht sicher darin, dass wir zu zweit durchs Leben gegangen sind - und dass sich das in unserem Werk niederschlägt. Dabei sind es nicht konkrete Erinnerungen, es ist vielmehr ein Fächer von möglichen Erinnerungen, ein Erinnerungspanorama. Erinnerungsbilder sind eher wie Flashs.
Tobler: Flashs bestimmen «Den Spaziergang» auch insofern, als er viele Brüche hat. Dass plötzlich fast scherenschnittartige Ornamente auftauchen, eine Tür, eine Sandsteinmauer, die den Fluss der Landschaft unterbrechen.
Claudia Müller: Die Bilder sind in der Tat zusammen collagiert. Es hat harte Schnitte - und dennoch sollen die einzelnen Teile ein Ganzes ergeben.
Tobler: Wie entstehen diese Collagen?
Claudia Müller: Wir zeichnen die Landschaftsbilder im Atelier auf Papier. Im Raum dann werden diese mit Hilfe von Projektoren an die Wand gemalt.
Julia Müller: Dabei haben wir Leute, die uns helfen, weil wir das sonst nie schaffen würden. Ich glaube, wir hatten noch nie so viele Helferinnen wie hier in Burgdorf für diesen grossen Raum. Um wieder auf den Inhalt zurückzukommen: Erstmals finden sich hier keine Porträts mehr, bisher war das Gesicht immer ein präsentes Element. Hier ist es abwesend. Die Menschen sind nur in Rückenansichten zu sehen.
Tobler: ...mit Ausnahme der beiden Eulen, die zwei Mal auftauchen und von oben auf den Betrachter hinunterschauen.
Julia Müller: Die Eulen sind gewissermassen Stellvertreter.
Tobler: Das gilt auch für die Landschaft. Sie ist in ihrer Stimmung wie ein Porträt, ein indirektes. Man kann sich vorstellen, wie dieser Blick sein könnte.
Claudia Müller: Es ist ein Kontemplationsblick, der sich hier ausdrückt. Es ist ein ganz spezieller Blick, dieses Anhalten ist stark - wobei der Blick nicht nur in eine intakte, ideale Landschaft geht, sondern Dräuendes sieht.
Tobler: Zu sehen ist ein starker Wechsel von ruhigen, geradezu romantischen Landschaften bis hin zur Zerstörung.
Julia Müller: Diese erstarrte Zerstörung hat in sich umgekehrt jedoch durchaus etwas Schönes, umschreiben wir sie mal als Ruinenästhetik.
Tobler: Das Dräuende, Ambivalente zeigt sich in den hoch aufragenden, rasterartigen Objekten in diesem Raum. Sie funktionieren wie eine Blockade, sie durchkreuzen den Blick und zerlegen die Bilder wie in einem Kaleidoskop.
Julia Müller: Wir durchbrechen damit bewusst die Ruhe der Landschaft noch in einer weiteren Dimension und lassen die Bilder kippen.
Claudia Müller: Die Objekte dramatisieren den Raum, stellen ihn in Frage, verstellen den Blick.
Faux-Terrain und Dioramen
Tobler: Umgekehrt erinnert das Rasterartige an die Dürerscheibe. Dann sind die Objekte nicht «störend» sondern eine Suchhilfe, eine Art Fokussierung. Vielleicht ist das aber eine Überinterpretation.
Claudia Müller: Vermutlich. Aber eine Sicht, die ich mir so noch nicht überlegt habe.
Julia Müller: Wir konnten bisher noch nie eine Wandmalerei so für sich stehen lassen, ohne sie durch diese Ad-hoc-Objekte, wie wir sie nennen, zu ergänzen. Das wäre uns zu perfekt, zu flach. Es schien uns immer notwendig, solche Ergänzungen im Raum zu schaffen. Ohne sie wäre der Raum zu ungebrochen...
Claudia Müller: ... in einem gewissen Sinn zu führungslos. Die Objekte sind wie ein weiteres dramaturgisches Subjekt, eine Art von Wesen, das sich dazwischen schiebt.
Tobler: Wieder eine Analogie zur Tradition: das Vorfeld in den Panoramen...
Claudia Müller: ... das Faux-Terrain, durch das sich die Fläche in den Raum erweitert. Das hat uns immer fasziniert.
Julia Müller: Oder die Dioramen in den Naturhistorischen Museen von New York oder Bern, wo sich das Bild in den Raum aufklappt. So suchen wir immer wieder neue Einstiege in die Wandmalerei.
Konrad Tobler, freier Autor und Kritiker in Bern. kultur@konradtobler.ch


Bis: 06.03.2010


Museum Franz Gertsch Burgdorf, bis 6.3.
Aargauer Kunsthaus Aarau, ‹Yesterday Will Be Better – Mit der Erinnerung in die Zukunft›, (Gruppenausstellung), bis 7.11.



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Ausgabe 11  2010
Ausstellungen Claudia u. Julia Müller [25.09.10-06.03.11]
Ausstellungen Yesterday Will Be Better - Tempi passati [21.08.10-07.11.10]
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Institutionen Museum Franz Gertsch [Burgdorf/Schweiz]
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Konrad Tobler
Künstler/in Claudia Müller
Künstler/in Julia Müller
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