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Fokus
11.2010




Hina Strüver - Zwölf Zürcher Unkraut-Performances als Feier des Unerwünschten


von: Villö Huszai

  
links: Storchenschnabel, Performance, 2010. Foto: Hansjörg Köfler
rechts: Brombeere, Performance, 2010. Foto: Martin Andersson


«Zeit für die Mai-Performance», so der Anfang der Mail, mit welcher Hina Strüver Mitte Mai 2010 ihre nächste Performance ankündigte, kurzfristig, nur fünf Tage vorher. Nach Efeu (Dezember), Nachtkerze (Januar), Huflattich (Februar), Brennessel (März) und Löwenzahn (April) war nun der Storchenschnabel an der Reihe und zwar «auf dem Parkplatz zwischen Pfingstweidstrasse und Schiffbaustrasse, dem Ibishotel und dem Abbruchgelände», so Strüvers Ortsangabe. Der provisorische Parkplatz hinter der Hardbrücke stadtauswärts ist noch kurz vor dem angegebenen Zeitpunkt, abgesehen von sporadischen Passanten, menschenleer. Nicht einmal der Storchenschnabel lässt sich blicken. Auf den ersten Blick. Dann zeigt er sich doch hinter einem Kotflügel, zwischen Betonplatten blüht er, prächtig anzusehen, sobald man sich zu ihm niederbeugt; in seiner feingliedrigen Blattstruktur, seinem verhaltenen Grün, das unmerklich ins dunkle Rostrot der Blüten übergeht. Er ist die wilde und doch ungleich elegantere Version unserer plump-vulgären Geranie und verdankt den Namen seiner keck sich in die Luft spiessenden Blütenform.
Währenddessen hat sich Publikum eingefunden, unter ihnen nun auch Hina selbst, doch noch ist sie von den anderen Ankommenden nicht zu unterscheiden. Ihr Publikum, bis zum Schluss der Veranstaltung werden es ungefähr dreissig Leute sein, wendet sich darum dem Plaudern oder dem Terrain zu; so prüft man, wie hoch hinaus der Prime-Tower, Zürichs höchster Wolkenkratzer, schon gediehen ist, geniesst die plötzlich hervorbrechende Abendsonne, und da ist die Performance auch schon im Gange, Hina Strüver steckt in einem grünen Filzkleid, unter den Sohlen je eine Luftpumpe, Luftschläuche führen von den Pump-Schuhen in rote Papierröhren, es sind Storchenschnabel-Blüten, sie umwuchern Hinas ganzen Körper. Mit jedem Schritt entrollt sie ein Luftstrom. Auch im Mund einen Luftschlauch, geht Hina auf ihren selbstgebastelten Sohlen über den Platz, doch halt, gehen kann man das nicht nennen, jeder Schritt ein vielbewegendes, knisterndes, schwankend-wackliges Unterfangen, nach allen Seiten entrollen sich Storchenschnabel-Blütenimitate und rollen sich wieder ein. Hina ist ein zittriges Storchenschnabel-Bündel geworden, das zu ihresgleichen, der kleinen Storchenschnabel-Kolonie am Parkplatzrand, strebt. Später wird Strüver dazu sagen: «Indem ich etwas selber mache, verstehe ich erst, was es ist. Durch die Unkräuter-Serie habe ich verstanden, wie anstrengend das Wachsen sein muss, was es für eine Pflanze heisst, zu wachsen. Einschliesslich des Glücksgefühls, wenn man es geschafft hat!»

Erweiterte Skulpturen
Hina Strüver hat an der HBK Braunschweig gerade deswegen nicht Performance studiert, weil damals Marina Abramovic´, die wohl bekannteste zeitgenössische Performance-Künstlerin überhaupt, dort Performance lehrte. Stattdessen hat Strüver beim Schweizer Künstler John Armleder in Bildhauerei abgeschlossen. Aus dem Gegensatz zu Abramovic´ lässt sich ein Teil von Strüvers Eigenart fassen: Bei Strüver steht nicht die Performerin als Subjekt im Zentrum, nicht ihr Körper, auch nicht die theatralische Handlung. Strüver selbst spricht von einer «erweiterten Skulptur» und von «Live-Installation». Wenn sie in ihrem selbstgenähten Filzanzug ihren Körper Richtung Storchenschnabel verfügt, dann hat diese Bewegung durch den Raum in der Tat etwas Skulpturales; das Publikum sieht sich weniger mit einem Menschen als mit einem Gebilde konfrontiert. Es sei eher ein Gedanke gewesen, der sich manifestierte, als eine theatralische Darbietung, meint Olivia Wiederkehr, Betreiberin der temporären Zürcher Performance-Plattform ‹Le Jardin Rouge›. Und die Basler Performance-Künstlerin Andrea Saemann: Anders als Abramovic´ suche Strüver nicht die frontale Begegnung mit dem Publikum, sie wolle vielmehr dessen Alltag leicht stören. «Einen Ort für neue Gedanken zugänglich machen», so drückt es Strüver selbst aus. Ihre letzte Unkraut-Performance ist dem Hirtentäschel gewidmet, von Strüver ausnahmsweise schon weit voraus geplant und darum hier auf Papier ankündbar: Sie findet im November auf dem Hardplatz, bei der Endstation des Achtertrams statt.
Villö Huszai, Germanistin, Medienwissenschaftlerin. huszai@bluewin.ch


"Cura", Performance/Fotoarbeit, im Rahmen des Projektes "Kuenstlerische Bespielung des Zuger Kantonsspitals Baar", bis 16.1.
Naechste Performance, Hardplatz, Zuerich, 6.11., 19 Uhr
"Unkraeuter der Schweiz", Installationskalender zur Performance-Serie, CHF 30.-, Bestellung ab Dezember, direkt bei Hina Struever



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Ausgabe 11  2010
Autor/in Villö Huszai
Künstler/in Hina Strüver
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