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Besprechung
11.2010


J. Emil Sennewald :  Wie fruchtbar bleiben? Die Titelfrage zielt auf den künstlerischen Schaffens- wie auf den menschlichen Reproduktionsprozess. Die einnehmende Ausstellung im Pariser Centre culturel Suisse zeigt, dass die Frage falsch gestellt ist.


Paris : Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, «Comment rester fertile?»


  
Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger · vue de l'exposition«Comment rester fertile ?», 2010, Cosmic Incubadora (Detail). Foto: Marc Domage


In flüssiger Substanz schwimmen Spermatozoen, einhunderttausend pro Kubikzentimeter. Dann tauchen Eizellen ein, werden befruchtet und vervielfältigen sich - jede ein perfekt geformtes Embryo, alle gleich, alle gut. In Aldous Huxleys «schöner neuer Welt» durfte 1932 die Eizelle noch wählen. Das war einmal. «Das Spermium wird heute nach ästhetischen Gesichtspunkten ausgewählt», erklärt Jörg Lenzlinger neben der Projektion zappelnder Spermien auf eine Plastikkugel, in der aus Kunstnebel eine Venusmuschel kitschig emporwackelt. Das Künstlerduo aus Uster hat sich kundig gemacht, bringt Bilder direkt aus der Samenbank. «Das stärkste und schönste wird mit der Pipette aufgenommen und dann regelrecht in die Eizelle injiziert», fährt er fort. «Das ist wie eine Vergewaltigung», ergänzt Gerda Steiner. Und bringt damit die gesamte Ausstellung auf den Punkt: Die Frage nach Fertilität ist eine ästhetische, führt zwischen Schönheit und Gewalt, Wachstum und Zerstörung.
Während unten in einer sechseckigen dunklen Kammer ein Inkubator aufgestellt ist, in dem im 24-Stunden-Rhythmus Kristalle wachsen und wieder zerfallen, ist das Obergeschoss des Centre ein fallender Imaginations-Garten. In der Mitte die Liegebank, die schon 2003 im venezianischen San Staë begeisterte. «Wir recyceln oft Teile von anderen Installationen», erläutert Steiner. Und so enthält die Ausstellung auch Elemente aus der Silbermine in Lothringen oder vom kristallüberwucherten Konferenztisch der diesjährigen ART. Zum Hauptraum gelangt man durch eine Schleuse, die wie ein alter Gartenschuppen wirkt, in dem aus Werkzeug die bizarrsten Pflanzen wachsen. Hier haben die Künstler ihre Harnstoff-Lösung auf Lebensmittel verteilt, «um zu sehen, wie sie auf unterschiedlichen Untergründen reagiert».
Ob Kritik an Kontrollwahn oder an der Obsession zur Fruchtbarkeit - die Kunst des Duos bewegt sich immer zwischen Naturbewusstsein, Heilkunde, Faszination am Organischen und kritischem Blick auf die Gesellschaft, die in demselben Rhythmus konsumiert, wie sie wegwirft, in der Leben und Fortpflanzung denselben Industriestandards unterworfen werden wie die Agrarproduktion. Dass wir noch nicht in Huxleys «schöner neuer Welt» leben, verdankt sich der Widerständigkeit des Lebens. Für dessen Wucherungen und Wunder bauen Steiner & Lenzlinger Milieus, in denen sie jedem Vorstellungsbild auch kritische, ironische Abstandhalter mitgeben, durch die erkennbar wird: Nicht wie wir fruchtbar bleiben, sondern was wir daraus machen, ist die Frage.

Bis: 12.12.2010


Mit Künstlerbuch, éditions Periferia



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Ausgabe 11  2010
Ausstellungen Jörg Lenzlinger, Gerda Steiner [18.09.10-12.12.10]
Institutionen Centre Culturel Suisse [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Steiner/Lenzlinger
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