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Besprechung
11.2010


Isabel Friedli :  Ein Stück Würfelzucker, funkelnd weiss. Weiss auch der Raum, worin der kleine Kubus steht. Dann plötzlich: Eine blaue Flüssigkeit gerät ins Bild, breitet sich aus, trifft auf den Zucker. Höher und höher steigt die Farbe. Kapillareffekt. Unaufhaltsam schwindet das Weiss. Demonstration der Molekularkraft


Thun : John Wood & Paul Harrison


  
links: John Wood & Paul Harrison · Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun, 2010
rechts: John Wood & Paul Harrison · The only other point (Filmstill), 2005, HDV, Einkanal (16:9), 13’ 44’’. Courtesy von Bartha, Basel


Quod erat demonstrandum. Ein bisschen erinnern die kurzen Videosequenzen von John Wood (*1969) und Paul Harrison (*1966) an experimentelle Versuchsanlagen aus dem Physikunterricht. Es fehlt ihnen aber jeder Zwang zur Beweisführung. Statt dessen tobt in jedem Video das freie Spiel zweier Radikalen mit den Gesetzen von Masse, Schwerkraft und Beschleunigung, das in einer Formel aufgeht, die mit fröhlicher Leichtigkeit Ästhetik, skurrilen Witz und Absurdität freisetzt. In einer Aufnahme der 101 Sequenzen umfassenden Arbeit «Notebook» aus dem Jahr 2004 fliesst Milch auf ein schwarzes Brett, das durch ein dichtes Raster schwarzer Noppen strukturiert ist. Stockend, aber stetig breitet sich die weisse Farbe in der schwarzen Ebene aus. Der Vorgang lässt an die komplizierte Darstellung binärer Rechencodes denken, ist aber gleichzeitig an Ökonomie der Mittel kaum zu übertreffen. Farbe trifft auf Form, mit der Zeit ergibt sich daraus eine Bewegung im Raum. Dass die beiden britischen Künstler, die seit 1993 zusammen arbeiten, Malerei studiert haben, überrascht nicht. Noch in jedem Video denkt man wahlweise an Farbfeldmalerei, Action Painting oder Abstraktion. Verblüffend ist dagegen der schier unerschöpfliche Einfallsreichtum der Tüftler, die sämtliche Ideen in ihrem Studio in Bristol ausbrüten und umsetzen. In den früheren Arbeiten spielte der Körpereinsatz noch eine gewichtige Rolle, etwa wenn die Kamera die beiden in einem geschlossenen Raum aufnahm, der tatsächlich der Innenraum eines fahrenden Lastwagens war. Auf Bürosesseln mit Rollen sitzend und den willkürlichen Neigungskräften des sich verlagernden Raums ausgesetzt, wirkten die stets Haltung und Ernst bewahrenden Künstler wie Atomkerne in einem Teilchenbeschleuniger. Die neueren Arbeiten im Kunstmuseum Thun kommen dagegen fast ohne Performance der Künstler aus. An deren Stelle verwickeln sich Gegenstände in den Lauf der Dinge. Etwa in «Shelf», 2007, einer langsamen Kamerafahrt entlang eines Regals, worauf Spielzeug, drehende Plattenspieler und sonstige Alltagsobjekte stehen und ein Leuchtfeuer aus Anspielungen an die Geschichte der Kunst - Eadweard Muybridges Bewegungsstudien oder die einsamen Gestalten von Edward Hopper - entfachen. Bei Harrsion & Wood denkt man an Fischli & Weiss, an Gilbert & George oder an Roman Signer, vor allem aber denkt man an Künstler, die Kunstwerke wie kleine Monaden schaffen, unauflösbare Einheiten, deren einfaches Wirken fasziniert und sofort einleuchtet.

Bis: 28.11.2010



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Ausgabe 11  2010
Ausstellungen Paul Harrison, John Wood [25.09.10-28.11.10]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in John Wood/Paul Harrison
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