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Besprechung
11.2010


Dominique von Burg :  Das Stelldichein der beiden Künstlerinnen ist ein Wechselbad. Während Klaudia Schifferles Werke vom prallen, unbeständigen Leben erzählen, faszinieren Tatjana Gerhards einfache, an alte Gemälde erinnernde Kompositionen in düster-romantischer Stimmung. Dennoch sind Gemeinsamkeiten aufzuspüren.


Zürich : Klaudia Schifferle und Tatjana Gerhard


  
links: Klaudia Schifferle · O.T., 2009, Zement und Lackspray ©ProLitteris
rechts: Tatjana Gerhard · O.T., 2010, Öl auf Leinwand


Seltsame anthropomorphe Tierchen blicken uns an. In ihrer Positionierung erinnern die schmalen Gemälde von Klaudia Schifferle (*1955) an eine Ahnengalerie. Immer wieder treffen wir auf Porträts mit den Zügen der Künstlerin, die von Stadien aus ihrem Leben erzählen: als blutjunge Sängerin bei Kleenex und Liliput oder in Zeiten des Rückzugs als in sich versunkene Frau, deren kahler Kopf von einer blauen Blase umgeben ist. Mit dem auf der Oberfläche eines runden, monochromen Bildes schwimmenden Augenpaar wird der Traum zur Innenschau. Naturkräfte finden sich in abstrakte Bilder gebannt. Sie imaginieren Landschaften, Wasser, tektonische Schichten und kosmologische Vorgänge. An die Ferveur der Achtzigerjahre erinnern piktogrammartige, gestisch wilde und bunte Bilder. Anderswo ist der Duktus gezügelt und formiert sich zu abstrahiert-anthropomorphen Konfigurationen. Penisförmige Männchen beobachten das Geschehen gleichmütig freundlich. Respekt erheischt dagegen eine Gruppe von enorm präsenten, grauen Zementskulpturen.
Während Schifferle die Welt der Kobolde ihrer Jugendzeit mehrheitlich hinter sich lässt, bilden die Gemälde von Tatjana Gerhard (*1974) ein seltsames Universum, das von irrealen Kreaturen, Gnomen, Trollen und Geistern bewohnt ist. Es ist eine Zwischenwelt, die sich in natur- und bühnenhaften Szenerien spiegelt; mit Protagonisten, die weder männlich noch weiblich, weder Kinder noch Erwachsene sind. Sie weisen maskenhafte, unscharf konturierte Gesichtszüge auf. Oft scheinen sie mit ihrer dunklen Umgebung verschmolzen, eins mit der Natur. Ihre Absichten und ihr Treiben sind undurchsichtig. So schmort in einem Kupferkessel ein Kopf, oder drei andere Köpfe sind in ein Reagenzglas eingepfercht. Dann, als wäre alles nur ein Spuk und unsere Angst unberechtigt, leuchten von Weitem in farbigem Licht erstrahlende Baracken, und ein vergnügter Spielfuchs fährt auf Rollen auf einer erleuchteten Mauer dahin.
Beide Künstlerinnen erschaffen ihre Welten in einer jeweils eigenen malerischen Sprache. Die weiblichen Figuren von Schifferle erkunden die Welt oft im Alleingang. Sie wirken aber im Gegensatz zu Gerhards Protagonisten nicht einsam. Hier wie dort sind die Gestalten weder räumlich noch zeitlich verortet und schweben in entgrenzten Zuständen.

Bis: 14.11.2010



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Ausgabe 11  2010
Ausstellungen Tatjana Gerhard, Klaudia Schifferle [24.09.10-14.11.10]
Video Video
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Klaudia Schifferle
Künstler/in Tatjana Gerhard
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