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Besprechung
11.2010


Stefan Wagner :  In den Achtzigerjahren galten Tim Rollins and K.O.S. als Geheimtipp im Kunstbetrieb. Dann verschwand die kollaborative Produktionsgemeinschaft aus dem Fokus der Kunstöffentlichkeit. «Songs Without Words» ist nicht als Rückblick angelegt, obwohl die Ausstellung im Kern solche Züge trägt.


Zürich : Tim Rollins and K.O.S., «Songs Without Words


  
links: Tim Rollins and K.O.S. Ausstellungsansicht Galerie Eva Presenhuber, 2010.
rechts: Tim Rollins and K.O.S. Rise and Fall of the City of Mahagonny - Act I (after Brecht and Weill), 2010, Goldlack, Whiskey, Metzgerschnur, Acryl und Seiten mit Musiknoten auf Leinwand, 183 x 305 x 4cm. Courtesy Galerie Eva Presenhuber


Ende der Siebzigerjahre ging ein leicht zu überhörendes Knacken durch das Gebälk der Kunstgeschichte. Tim Rollins und Felix Gonzalez-Torres gründeten mit weiteren Personen 1979 Group Material im Kunsttreibhaus New York. Mit «People's Choice», 1981, realisierten sie in der hauptsächlich von Latinos geprägten Lower East Side ein neues Ausstellungsformat. Im Text dazu schrieben sie paradigmatisch: «Group Material will be directly involved in the life of our neighborhood ... [including] housing, education, sanitation, community organizing, and recreation.» Die Ausstellung wurde dank der kollaborativen Anlage zum Publikumserfolg.
Tim Rollins and K.O.S. (Kids of Survival) ist ein Nachfolgeformat der von Group Material entwickelten Idee, die auf Emanzipation in und Demokratisierung der Kunst setzt. Rollins hatte 1981 die Aufgabe erhalten, Kinder mit Lernproblemen aus der gesellschaftlich zerrütteten South Bronx in Kunst zu unterrichten. Anstatt sie ruhig zu stellen, förderte er ihre versteckten Talente. Die Zusammensetzung von K.O.S. änderte sich im Verlaufe der Jahre immer wieder, weil einige der Beteiligten Mühe bekundeten, in der Gruppe zu arbeiten. Aber bald etablierte sich ein Kern um Rollins, der sich bis heute mit wenigen Ausnahmen kaum verändert hat.
In stets heiterer Erinnerung hat man Arbeiten wie etwa «Animal Farm I», 1985, die auf George Orwells Klasiker basieren. Die Buchseiten sind mit Konterfeis der damaligen Politakteure versehen: Ronald Reagan als Schildkröte, Margret Thatcher als Gans, Michail Gorbatschow als Stier. Über die Jahre entstanden verschiedenartige Typologien von Bemalungen, die auch vor klassischen Partituren als Untergrund nicht Halt machten. Mitte der Achtzigerjahre setzte schliesslich eine aufgeregte Aufmerksamkeit im weltweiten Ausstellungsbereich um die Gruppe ein. Das Prinzip der Kollaboration wie auch die Arbeit mit sozialen Themen hielt im etablierten Kunstbetrieb Einzug. Tim Rollins and K.O.S. blieben über die Folgejahre ihrer Idee treu. «Songs Without Words» bei Eva Presenhuber lässt bei genauem Studium der übermalten oder mit Schnüren gestalteten Partituren noch immer den Idealismus der ersten Tage durchschimmern. Und dieser, wenn auch schon etwas in die Jahre gekommene aktivistische Spirit, bereitet immer noch Freude!

Bis: 06.11.2010


Show and Tell. A Cronicle of Group Material. Julie Ault (Ed.). Four Corners Books, London, 2010



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Ausgabe 11  2010
Ausstellungen Tim Rollins & K.O.S. [25.09.10-06.11.10]
Institutionen Galerie Eva Presenhuber AG [Zürich/Schweiz]
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Tim Rollins
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