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Besprechung
11.2010


Irene Müller :  Worauf gründet unsere Auffassung von Wirklichkeit? Wie begegnen wir den Bildern, die wir wahrnehmen oder auch nur zu sehen meinen, die real oder als Vorstellung existieren? Diesen Fragen geht Marianne Halter in ihren Arbeiten nach, indem sie vertraute Sehgewohnheiten und Sichtweisen aushebelt.


Zürich : Marianne Halter, «Time to choose»


  
Marianne Halter · Plaster and Building, 2010, Poster, Sitzskulptur, Musterbuch mit Fotografien von Grundstückmauern in Johannesburg, Installationsansicht Vebikus, Schaffhausen


Die «Bildgegenstände» der Fotografien, Videos, Installationen und Zeichnungen sind in der Regel unspektakulär, fast banal: Strassenzüge, Fassaden und Landschaften, typische Nebenschauplätze. Dabei fokussiert Marianne Halter (*1970, Zürich) spezifische Momente, die eine absurde, poetische Qualität in sich bergen, welche sich zwischen Sichtbarkeit und Annahme, konkreter Präsenz und latenter Zeichenhaftigkeit bewegen. So konstituiert sich das komplexe Dispositiv von «Plaster and Building» nicht zuletzt durch die Verschränkung medial und material verschiedener (Bild-)Realitäten - der geplotteten Fotografie, des mauerähnlichen Objekts im Realraum und der Fototafeln des Musterbuchs. Die miteinander verzahnten Elemente umreissen zugleich eine bühnenartige Situation, die sich als Behauptung, als Aktionsraum für mögliche Handlungen und Gegebenheiten artikuliert.
Die Installation «Sie nimmt ein neues Blatt Papier und legt es vor sich auf den Tisch» schöpft ihr irritierendes Potenzial aus dem Spannungsverhältnis von Abbild und physischer Dinglichkeit. In welcher Beziehung stehen die Karteikästen auf der Fensterbank zu ihrer fotografischen «Vorlage»? Inwieweit verändert der Sprung aus dem Bild deren Bedeutung? Während die gerahmte Fotografie einen vergangenen Zustand konserviert, sind die leeren Boxen der Gegenwart ausgesetzt, sie verweisen auf eine zukünftige Nutzung, auf Zeugnisse, die in ihnen aufbewahrt werden (können). Es sind die von Halter bewusst gesetzten visuellen Unebenheiten, die einen Moment schaffen, in dem Bildwelt und reale Gegenständlichkeit, Reinszenierung und Wirklichkeit zusammenfallen, in dem scheinbar Paradoxes und Unvorstellbares plötzlich im Rahmen des Denkbaren und somit im Einzugsgebiet des Tatsächlichen liegen.
In der Zeichnungsserie «Irgendwo ist nicht nirgendwo» lotet die Künstlerin die Differenz von Sehen und Wahrnehmen aus. Die Buntstiftstriche sind derart verdichtet, dass jedes Eindringen ins Bild sich gleichsam in der samtigen Materie verliert; die Sujets verschwimmen, lösen sich in pulvrigen Farbstrukturen auf. Wie Abdrücke im visuellen Gedächtnis evozieren die Zeichnungen ein Gefühl von Vertrautheit, erinnern an «Nachbilder» beiläufig wahrgenommener Augenblicke, an Szenen, die man im Vorbeigehen nur schemenhaft registriert hat. Mit einfachen Mitteln befragt Halter hier ineinandergreifende Wahrnehmungs- und Gedächtnisprozesse und in deren Konsequenz grundlegende Aspekte unserer Existenz und Realitätsauffassung.

Bis: 14.11.2010



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Ausgabe 11  2010
Ausstellungen Marianne Halter [08.10.10-13.11.10]
Institutionen Christinger De Mayo [Zürich/Schweiz]
Autor/in Irene Müller
Künstler/in Marianne Halter
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