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Besprechung
11.2010


Daniel Morgenthaler :  Migros wird Mikro. Nicht nur ist das migros museum für gegenwartskunst im Hubertus-Provisorium zusammengeschrumpft. Auch der menschliche Körper wird in der ersten Gruppenausstellung am für rund zwei Jahre bezogenen Standort auf kleinste Gegenstände eingedampft.


Zürich : Une Idée, une Forme, un Être - Poésie/Politique du Corporel


  
links: Une Idée, une Forme, un être - Posie / Politique du corporel, Ausstellungsansicht, migros museum für gegenwartskunst Zürich. Foto: FBM-Studio, Zürich
rechts: Martin Soto Climent Desire, 2009, Brillenetuis gefaltet, 3 Teile, je ca. 8 x 10 x 8 cm. Courtesy Sammlung migros museum für gegenwartskunst Zürich


Jemand war schon vor uns da. Wer Ende September als einer der Ersten die Räume des migros museums für gegenwartskunst im Provisorium «Hubertus Exhibitions» betrat, sah schon einen Fussabdruck vor sich: Gianni Motti hat in «Belgium Landing» seinen ersten Schritt auf belgisches Staatsgebiet in Bronze gegossen. Damit hat er nicht nur eine ehemalige Kolonialmacht für sich persönlich neu erobert, sondern steckt auch das Feld der aktuellen Gruppenausstellung im migros museum ab.
Der menschliche Körper hat hier zwar in vielen Arbeiten Eindruck hinterlassen, sich aber dann sogleich verflüchtigt. Die 1973 verstorbene Konzeptkünstlerin Alina Szapocznikow etwa dokumentiert auf vergrösserten Abzügen die Eindrücke, die das Gebiss auf einen Kaugummi macht. Bei der guatemaltekischen Performancekünstlerin Regina José Galindo hingegen prangern makaber aufgespieste Haarteile die Tatsache an, dass lateinamerikanische Frauen oft ihre Haare verkaufen müssen, um ihre Armut zu lindern. Und in der Arbeit «37 cuerpos» der nicht weniger drastischen Mexikanerin Teresa Margolles stehen zusammengeknüpfte und zwischen Wände gespannte Fäden, mit denen Leichen von Gewaltopfern behelfsmässig zusammengenäht wurden, für die Körper der Toten.
Nachdem die Ausstellung «While Bodies Get Mirrored» Anfang 2010 untersucht hatte, wie sich der performative Akt in greifbaren Objekten manifestiert, haben die hier versammelten Gegenstände eine teils hochpolitische Körperlichkeit gespeichert. In diesem aufgeladenen Kontext werden die Tabletten in Pamela Rosenkranz' Fotogrammen fast zu visuellen Beruhigungspillen verharmlost, während der Witz der Arbeiten des Mexikaners Martin Soto Climent - Portemonnaies etwa, welche die Zunge rausstrecken und gähnende Leere signalisieren - untergeht. Wie so oft im richtigen Leben drängt das Politische des Schautitels das Poetische an den Rand.
Wie Gianni Motti haben also auch das migros museum sowie die Galerien Hauser & Wirth und Bob van Orsouw den Schritt in Neuland gewagt. Somit gruppieren sich nun Galeristen wie Francesca Pia oder Nicola Von Senger bei der Baustelle Löwenbräu um ein künstlerisches Vakuum herum, das sicher nicht einfach zu füllen sein wird. Erste Zuzügler hat jedenfalls die Hubertus-Gegend auch schon: Gregor Staiger hat seine Galerie gleich ums Eck eröffnet.

Bis: 28.11.2010



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Ausgabe 11  2010
Ausstellungen Poésie/Politique du corporel [25.09.10-28.11.10]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Gianni Motti
Künstler/in Regina José Galindo
Künstler/in Martin Soto Climent
Künstler/in Pamela Rosenkranz
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