Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
11.2010


Alice Henkes :  In ihren zartfarbigen Bildern erschafft die deutsche Künstlerin Fides Becker Sehnsuchtswelten, die sich gleichsam vor den Augen des Betrachters auflösen und so den trügerischen Charakter von Illusionen und falschem Glück offenbaren.


Bern : Fides Becker, Verheissungen


  
Fides Becker · Mondlicht, 2008, Acryl und Eitempera auf Leinwand und Baumwollstoff, 115 x 95 cm


«Da wo du nicht bist, ist das Glück.» Fides Becker (*1962, Worms) zitiert auf ihrer Homepage diese venezianische Spruchweisheit, die wie ein Wasserzeichen in ihre Kunst eingebunden scheint. Das Glück, in märchenhafter Verklärung, scheint in den Bildern der Künstlerin zum Greifen nahe. Doch entzieht es sich gleich wieder dem begehrlichen Blick des Betrachters. Üppige Betten und majestätische Roben verflüssigen sich buchstäblich in den mit zartem Aquarell und leichter Tempera delikat gestalteten Bildern. Die Motive zerrinnen zu langen Farbfäden auf der Leinwand, die meist mit allerlei Mustern vom einfachen Gläsertuchkaro bis zur französischen Landschaftstapete grundiert ist. Oft näht Fides Becker gemusterte Stoffe auf die Leinwand und malt von Hand Ornamente darüber. So entstehen komplexe Schichtungen, in denen Mustermotive und Malerei sich verspielt ineinander verschlingen. In der «Brustrosette» löst eine menschliche Brust sich in einem Stuckornament auf. «Mondlicht» zeigt ein zeitenthobenes Schäferstündchen modern gekleideter Figuren inmitten von Rokoko-Chinoiserien.
«Verheissungen» nennt Fides Becker die Auswahl aktueller Arbeiten, die sie in der Galerie Duflon Racz zeigt. Das hat einen hymnischen Beiklang. Das gelobte Land, in das sie den Betrachter führt, liegt im unerreichbaren Nostalgia geschönter Geschichtsbilder. Die Künstlerin interessiert das von gegenwärtigen Vorstellungen und Erwartungen beeinflusste Historienbild grosser Kostümfilme, in denen vergangene Epochen gern als seidenrauschende Kleiderkammer der Glückseligkeit inszeniert werden. Es sind denn auch Motive feudaler oder mindestens grossbügerlicher Behaglichkeit, die den Beckerschen Bildkosmos möblieren, allen voran der Kronleuchter, der in jungen Gutverdienerhaushalten wieder en vogue ist. Durch Transparenz des Farbauftrags und Verlaufen der Sujets deutet Becker an, wie substanzlos rückwärtsgerichtete Träume vom Glück sind. In der kritischen Betrachtung nostalgischer Sehnsüchte erweisen sich die Muster und Ornamente als intelligente Gestaltungselemente. Wäschekaros und Blütengirlanden sind bei Fides Becker nicht nur visuelle Spielelemente, sondern stehen für gesellschaftlich vorgegebene Verhaltensmuster, für übernommene und oft auch längst überkommene Traditionen, die zum einengenden Rahmen für die Gegenwart werden können.

Bis: 06.11.2010



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 11  2010
Ausstellungen Fides Becker [01.10.10-06.11.10]
Institutionen DuflonRacz [Bern/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Fides Becker
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=101116160539VBP-8
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.