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Besprechung
11.2010


Ralf Christofori :  Die deutsch-schweizerischen Theatermacher Rimini Protokoll sind bekannt dafür, dass sie Schauspiel und Theatralik in verschiedensten institutionalisierten Lebensräumen verorten. Im Heidelberger Kunstverein haben sie jetzt eine sehenswerte Ausstellung inszeniert.


Heidelberg : Rimini Protokoll


  
Rimini Protokoll, Heidelberger Kunstverein, 2010. Foto: Markus Kaesler


Freie Platzwahl im Heidelberger Kunstverein. Die ausrangierte Bestuhlung des hiesigen Stadttheaters steht wahllos in der grossen Halle des Kunstvereins verteilt. Das eigentliche Schauspiel findet nicht etwa auf einer Bühne sondern auf einer riesigen goldenen Wand statt. Es heisst «80 Prophezeiungen für das Theater», geschrieben und ausgedacht von Heidelberger Bürgern, inszeniert von den Theatermachern Rimini Protokoll. «Kaufabschlüsse werden in Warenhäusern öffentlich ausgerufen und beklatscht», steht dort an der Wand. Oder: «Es wird Clubs fürs Buh-Rufen geben.» Oder: «Theaterfestivals werden nicht in sondern zwischen den Städten aufgeführt werden. An Transitstrassen, Autobahnkreuzen und Tankstellen.»
Seit genau zehn Jahren schaffen Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel unter dem Namen Rimini Protokoll solche Situationen, von denen die einprägsamsten abseits des klassischen Theaters stattfanden. Ganz gleich, wie zielsicher sie dabei jedes einzelne Projekt selbst zu Ende denken oder das Ende dem Betrachter überlassen - das transitorische Moment spielt eine tragende Rolle in all ihren Arbeiten. Davon kann man sich in der Heidelberger Ausstellung stundenlang überzeugen, denn sie ist auch eine Art Retrospektive. Vornehmlich dokumentarisch aufbereitet, zeigt sie einige Arbeiten, in denen parlamentarische Debatten auf Landes- oder Bundesebene von Wählern synchron nachgesprochen werden. In einer engen Zelle reinszenieren sie die grandiose Arbeit «Call Cutta in a Box», 2005, bei welcher der Besucher per Skype mit einem Call-Center-Mitarbeiter in Kalkutta ins Gespräch kommt. Das Transitorische liefert hier einen Geschmack davon, wie nahe einem die Globalisierung ganz real kommen kann.
Übereck und auf einem grossen Flachbildschirm präsentieren Rimini Protokoll schliesslich eine ihrer wichtigsten Arbeiten, die «Hauptversammlung» der Daimler AG 2009 in Berlin. Rimini Protokoll hatten damals Aktien gekauft und Aktionäre aufgerufen, ihre Einladung abzutreten, um möglichst viele Zuschauer an der durch und durch inszenierten Hauptversammlung des Unternehmens teilhaben zu lassen. Auf dem Flachbildschirm deklamiert der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Bischoff die Regeln des guten Anstands einer solchen Versammlung und endet mit den markigen Worten: «Dies ist hier weder ein Schauspiel noch ein Theaterstück.» Was - zumindest aus Sicht von Rimini Protokoll - zu widerlegen war.

Bis: 21.11.2010



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Ausgabe 11  2010
Ausstellungen Rimini Protokoll [11.09.10-21.11.10]
Institutionen Kunstverein Heidelberg [Heidelberg/Deutschland]
Autor/in Ralf Christofori
Künstler/in Rimini Protokoll
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