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11.2010




Winterthur : Lars Laumann


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Lars Laumann · Swedish Book Store, 2007, Video 2'54'. Courtesy Maureen Paley, London
rechts: Lars Laumann · Berlinmuren, 2008, Video 23'56'. Courtesy Maureen Paley, London


Nun gut, dass man sich in Gegenstände verliebt, mag ja noch sein. Schliesslich verehren manche ihren Porsche, andere ihre Schuhe abgöttisch, und auch der Kunstbetrieb liebt das verkäufliche Objekt nach wie vor mehr als das flüchtige Konzept. Aber dass man sich als erklärte «Objektosexuelle» gleich in ein kilometerlanges Bauwerk verknallt - und dieses sogar noch heiratet -, ist doch recht speziell. Genau diese Geschichte aber erzählt die Filmarbeit «Berlinmuren» von Lars Laumann (*1975), die 2008 schon an der Berlin Biennale gezeigt wurde und nun Teil der Einzelausstellung des Norwegers in der Kunsthalle Winterthur ist.
Als Off-Stimme berichtet die Schwedin Eija Riitta von ihrer Liebesbeziehung mit dem hochpolitisierten Bauwerk. Das ist urkomisch, wenn sie bedauert, dass diese Fernbeziehung darunter leidet, dass sie und ihr Partner beide nicht gerne reisen. Und es ist kaum erträglich, wenn sie sich an den Fall der Mauer als traurigsten Tag in ihrem Leben und als schwer zu verarbeitenden und ungerechten Zwischenfall erinnert. Ob das alles der Realität entspricht - das Wort «wahr» traut man sich in der heutigen Wahrheitenpluralität ja ohnehin kaum noch auszusprechen -, kann auch der dokumentarische Ernst des Films nicht abschliessend bezeugen, geschweige denn die entsprechende Website, auf der sich die Liebesstory nachlesen lässt. Und bei einer Betonmauer, die mittlerweile noch geschleift wurde, kann man einfach wirklich schlecht nachfragen.
Da ist die Arbeit «Duett», 2010, schon ausgewogener, weil hier beide Teile einer recht unheiligen Allianz zu Wort kommen, wenn auch mit unangenehm verzerrter Stimme: Margaret Thatcher rechtfertigt sich darin in historischem Fernsehmaterial für irgendeine militärische Aktion, während Donald Rumsfeld vor Dingen warnt, von denen wir nicht wissen, dass wir nichts davon wissen. Ähnlich schwindlig wie bei dieser Aussage wird es einem in der kurzen Arbeit «Swedish Book Store» von 2007: Eine Filmsequenz aus dem Film «Top Secret!», die wegen einiger Special Effects rückwärts gedreht wurde, wird hier immer vorwärts und rückwarts, hin und her gespielt - bis man nicht mehr weiss, wo vorne und hinten ist. Eine zwar unangenehme, aber durchaus gesunde Dosis Orientierungslosigkeit, wie man sie eigentlich täglich einnehmen müsste: als Gegenmittel zu den Beruhigungspillen der Gutgläubigkeit.

Bis: 21.11.2010



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Ausgabe 11  2010
Ausstellungen Lars Laumann [10.10.10-21.11.10]
Institutionen Kunsthalle Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Lars Laumann
Link http://www.berlinermauer.se
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