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Editorial
12.2010





  
TITELBILD · Karin Sander · Gebrauchsbild Nr. 106, 2008-2010. © ProLitteris


Das Bild schreit nach einem Nagel. Doch die Aufhängeschnur hängt schlapp herunter. Wurde die Leinwand soeben vor dem Haus abgestellt, oder steht sie im Vorratsraum und irgendwer hat beim Vorbeigehen eine Biermarke aufgeklebt?
Karin Sander nennt diese Werkgruppe "Gebrauchsbilder". Sie werden - Verdingkindern gleich - «fremdplatziert», nach Gutdünken genutzt, abgestellt oder seltener sorgfältig bewahrt. Dabei kommen sie oft an sonst kunstfreie, weil potenziell kunstgefährdende Orte: Küche, Garage, Garten, Kinderzimmer. Entsprechend gezeichnet kehren sie später wieder ins Museum zurück: von Kinderhand mit bunten Blumen und Schmetterlingen übermalt, mit Flecken gesprenkelt oder achtlos zerschlissen.
Mit der Materialität des Kunstwerks befassten sich zu Beginn des 20.Jahrhunderts zahlreiche Künstler, Walter Benjamin als Theoretiker oder Man Ray mit den 1920 fotografierten Staubspuren, "Elevage de Poussière", auf dem "Grossen Glas" von Man Ray.
Karin Sander setzt ihre "Gebrauchsbilder" unkontrollierbaren Situationen aus. Stellvertretend erproben sie das Sich-Exponieren, Geschehenlassen. Statt Bilder werden uns Gebrauchsspuren serviert. Welche Erfahrungen, welche Geschichten erzählen sie uns? Die Werkgruppe befragt in radikaler Weise die Substanz von Kunst. Was bleibt, wenn die Künstlerin oder der Künstler das Heft aus der Hand gibt, den Zufall spielen lässt? Nichts? Oder doch etwas? Eine Leerstelle, eine offene Plattform, die uns zur eigenen künstlerischen Aktion drängt?
Jemand sprayte ein kleines Bäumchen auf die offene Fläche. Ist die Leere so besser zu ertragen? Oder ist es ein Zeichen der Zuneigung und Zuversicht, passend zum Jahresende und zur Zeit des Übergangs? Claudia Jolles



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Ausgabe 12  2010
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