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Fokus
12.2010


 Karin Sander geht vom Gegebenen aus. Dieses - sei es eine räumliche Situation, ein institutioneller Kontext oder ein soziales System - liest sie gegen den Strich und macht Aspekte sichtbar, die vorher zwar vorhanden, jedoch so nicht wahrnehmbar waren. Die kleine, aber feine Einzelausstellung im Kunstmuseum St. Gallen und ihre Lehrtätigkeit seit 2007 an der Architekturabteilung der ETH Zürich boten Anlass für ein Gespräch mit der Künstlerin.


Karin Sander - Vorgefundenes gegen den Strich denken


von: Pablo Müller

  
links: Konrad Bitterli, 3D-Bodyscan. © ProLitteris
rechts: Gebrauchsbild Nr 101, 2006-2010, Küche, St. Gallen, Baumwollgewebe auf Keilrahmen in Standardgrössen, weisse Universalgrundierung. Kunstmuseum St Gallen © ProLitteris Foto: Stefan Rohner


Müller: 1996 fand deine erste Einzelausstellung im Kunstmuseum St. Gallen statt. In der aktuellen Präsentation sind zwei der damals gezeigten Werke zu sehen, das Hühnerei und die Wand in DIN-Formaten. Wie nimmst du die damalige Ausstellung in der aktuellen Schau auf?

Sander: Eigentlich gar nicht. Anlass dieser Ausstellung ist ein Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum und seinen Förderern vor fünf Jahren begann und jetzt zum Abschluss gebracht wurde. Es handelt sich um eine Werkgruppe von 15 sogenannten "Gebrauchsbildern", die das Museum zusammen mit langjährigen Förderern erworben hat und die nun erstmals gezeigt wird. Dieser Gruppe sind einige neue Arbeiten sowie Sammlungsankäufe des Museums von 1996 bis heute gegenüber gestellt. Eine Einzelausstellung also mit Werken aus der Sammlung "und anderen", ein Experiment, das mich interessierte.

Müller: Das Herzstück der Schau bilden also die so genannten "Gebrauchsbilder", welche die Förderer des Museums vorher an unterschiedlichen Orten in ihren Privaträumen installiert hatten. Was hat es mit diesen Bildern auf sich?

Sander: Sammler haben immer das Problem, nicht genügend Platz für all ihre wertvollen Kunstobjekte zu haben. Die Tatsache, dass es an den so genannten «gefährlichen» Orten wie Küche, Garage, Balkon, Gartenhaus noch Platz gibt, hat mich dazu bewogen, Werke für genau diese Orte zu schaffen. Die grundierten Bildträger sollten «von ihren Eigentümern gebraucht» werden können, das heisst, an einen dieser Orte transportiert werden, um dort ungeschützt für einen bestimmten Zeitraum zu verbleiben. Die "Gebrauchsbilder" entstehen also dort, wo sie hängen oder installiert sind, sammeln die spezifische Patina ihres Ortes und bilden diesen ab. Im Kunstmuseum sind nun 15 "Gebrauchsbilder" in den Massen 60x80 cm zu sehen, die alle eine sehr spezifische Patina zeigen.

Nichts hinzufügen
Müller: In einem Interview mit Harald Welzer sprichst du davon, dass du jeweils von dem ausgehst, was du vorfindest, um daraus eine Arbeit zu entwickeln, du arbeitest mit dem Gegebenen und fügst diesem meist nichts hinzu. Du sagst, dass das Gegebene sich im Idealfall gegen sich selbst kehrt. Wo findet das kritische Gegenlesen statt?

Sander: Im Januar dieses Jahres realisierte ich in der Temporären Kunsthalle in Berlin die Ausstellung "ZEIGEN. Eine Audiotour durch Berlin". Ich recherchierte nach in Berlin lebenden Künstler/innen und bat sie, mir ein Audiostück zuzusenden, das ihre Arbeit hörbar und in der Vorstellung der Besucher sichtbar macht. 566 Künstler schickten mir ihre Arbeiten auf Tonträgern, die dann in der Kunsthalle vorgestellt wurden. Auf der Wand des Ausstellungsraumes waren lediglich die Namen der Künstler/innen zusammen mit einer Nummer zu lesen. Mit programmierten Audioguides konnten die Besuchenden die einzelnen Stücke abrufen und sich im Raum bewegen. Sie blieben jedoch meistens vor dem jeweiligen Namen stehen, bis das Stück zu Ende war. Die Kunsthalle wurde für einen Moment zu einer Plattform der Imagination, der Präsentation, der Begegnung mit all den in Berlin lebenden Künstlerinnen und Künstlern. Diese riesige Gruppenausstellung löste einen «Schluckauf» im System des E-Mail-Versands und des Artrankings aus, wie in der Februar-Ausgabe der 1. Berliner Kunstzeitung "2 von/100" berichtet wurde. Das wäre vielleicht ein Beispiel für das Sichtbarmachen und Gegenlesen, das aber auch in den Gebrauchsbildern zu finden ist.

Müller: Auf den ersten Blick sind deine Arbeiten einfach. Es wird schnell klar, was gemacht wurde. Auf den zweiten Blick öffnen sich unzählige Anknüpfungspunkte. Die "Personen 1:10", in denen du lebende Personen mittels 3-D-Bodyscan-Verfahren im Massstab 1:10 in plastische Figuren überträgst, drehen sich zum Beispiel um kunsthistorische Topoi wie Skulptur, Mimesis und Portrait. Gleichzeitig lassen sich diese Kleinplastiken als eine Habitus-Studie eines sozialen Milieus oder einer Zeit lesen.

Kunst als inspirative Kraft
Sander: Ja, das Einfache ist oftmals das Schwierigste und Aufwendigste. Diesen Arbeiten geht meist eine lange Recherche und ein technischer Entwicklungsprozess voraus. So wurde beispielsweise ein Verfahren entwickelt, das lebende Personen in ca. 10 Sekunden scannt, ihre Daten rechnet und einem Extruder oder 3-D-Drucker zuführt, der diese Personen massstabsgetreu nachbaut. Am Ende stehen Menschen in frei gewählter Haltung auf Sockeln wie Kopien ihrer selbst inmitten der Ausstellung. Dieser Arbeitsprozess kann auch Teil der Ausstellung werden, wie er zurzeit als Laborsituation in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zu sehen ist.
Der Eindruck von Einfachheit kommt vielleicht daher, dass die Besucher eine Beziehung zu den Figuren herstellen. Sie haben das Gefühl, jemanden zu kennen, der so oder ähnlich dastehen oder aussehen würde. Man schafft so etwas wie Prototypen mit Haltungen, die über den konkreten Einzelfall hinaus in diesem Moment allgemeingültig werden. Oder es werden, wie du sagst, kunsthistorische Topoi aufgerufen, wie die Schwarzweiss-Figur als Akt mit gestreiftem Handtuch von Dieter Beer im Eingangsbereich des Kunstmuseums.

Müller: Seit 2007 hast du an der Architekturabteilung der ETH Zürich eine Professur inne. Im Lehrkonzept sprichst du von künstlerischem Denken und beschreibst die Kunst als eine «eigenständige Form der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit», die als eine «inspirative Kraft» auf benachbarte Disziplinen wirken könne. Was meinst du damit?

Sander: In meinem Lehrkonzept gehe ich davon aus, dass Kunst ihre grösste inspirative Kraft auf benachbarte Disziplinen gerade dann entfaltet, wenn sie keinen vorab definierten Zwecken untergeordnet wird. Von den primär an Gestaltung orientierten Praktiken unterscheidet sich die Kunst vor allem darin, dass sie keinen spezifischen Gegenstand und kein festliegendes Repertoire technischer Mittel besitzt. Vielmehr ergeben sich sowohl der Gegenstand wie die eingesetzten Mittel aus den je spezifischen Erfordernissen einer Idee oder eines Konzeptes. Diese Besonderheit will ich den Studierenden nahe bringen und im Begriff «künstlerisches Denken» auch methodisch herausarbeiten. Das ist integraler Bestandteil meines Unterrichts, bei dem der Erwerb kreativer Strategien nicht losgelöst von der Reflexion gesellschaftlicher Zusammenhänge gedacht werden kann, was auch wieder in Verbindung mit meiner eigenen künstlerischen Arbeit steht.

Müller: Welche Rolle spielt dabei das Erlernen handwerklicher Grundlagen?
Sander: Das steht nicht im Vordergrund. Es geht mehr um ein freies Denken und um die Erfahrung, was passiert, wenn man mit der Hand denkt. Ich kann zum Beispiel durch das Zeichnen etwas erzählen. Ich bin der Meinung, dass Ideen, ästhetische Entscheidungen, Kreativität, ja alle künstlerischen Fähigkeiten ganz gleich in welcher Disziplin auf analytischen Denkprozessen beruhen, die für das Studium sowie für die Arbeit danach sehr wichtig sind. Ludwig Wittgenstein hat einmal etwas spöttisch gesagt, Ästhetik sei eine Wissenschaft, die uns sagt, welche Kaffeesorten gut schmecken. Mit anderen Worten: ein belangloses Unternehmen, das keine Art von Nutzen verspricht. Soll doch jeder den Kaffee trinken, den er will, keine Frage, doch beim Entwerfen in der Architektur und beim Schaffen von Kunst geht es nicht um Geschmack, sondern um eine wissenschaftlich analytische Auseinandersetzung mit Sinn und ästhetischen Phänomenen. Und hier gibt es immer wieder Missverständnisse.
Das Paradox liegt darin, «zweckmässig ohne Zweck» oder «methodisch-unmethodisch» zu sein. Das lässt sich im Rahmen eines Architekturstudiums sowohl als Irritation wie auch zur Reflexion des eigenen Anspruchs produktiv nutzen. Es geht darum, eine Haltung zu entwickeln.

Müller: Worin siehst du die politische Möglichkeit der Kunst?
Sander: Wenn die Kunst grundsätzlich die Frage nach der Wirklichkeit stellt, kann sie jederzeit politisch aufgeladen werden.

Pablo Müller, Künstler und Kunstjournalist, lebt in Zürich und Berlin.

Bis: 06.02.2011



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Ausgabe 12  2010
Ausstellungen Karin Sander [25.09.10-06.02.11]
Ausstellungen Labor: Karin Sander, 3D Bodyscans [10.07.10-16.01.11]
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Institutionen K20 Kunstsammlung NRW [Düsseldorf/Deutschland]
Autor/in Pablo Müller
Künstler/in Karin Sander
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