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Fokus
12.2010


 Auf schwankenden Brettern führt uns Tadashi Kawamata über einen Weiher zum zukünftigen Standort des "White Cube" von Sol Lewitt, der im neuen Zellweger Park in Uster nun endlich definitiv erstellt wird. Die Werke sind Teil eines umgestalteten Industrieareals und zeigen auf, was Kunst in komplex genutzten öffentlichen Räumen leisten kann.


Tadashi Kawamata - Ein Steg «wie von einem Tier gebaut»


von: Claudia Jolles

  
Tadashi Kawamata · Drift Structure, 2010. Courtesy Zelllweger Park AG. Foto: Zeljko Gataric


«In zehn Jahren wird sich diese Gegend verändert haben. Dieser Weiher wird von gros­sen Gebäuden umringt sein.» Der japanische Künstler Tadashi Kawamata (*1953) hat seine Wollmütze tief in die Stirn gezogen und schaut vom Flachdach des ehemaligen Pförtnerhauses auf seinen halbfertigen Fussgängersteg. Die regennassen Lärchenbalken leuchten rosa, die zwölf Studierenden - je vier aus Japan, Paris und der Zürcher F+F Schule für Kunst und Mediendesign - wärmen sich derweil beim Mittagsgrill auf. «Auch der Steg wird sich verändern, die Hölzer werden grau und sich mehr und mehr mit der Umgebung verbinden.»
Kawamata hat keine Angst vor Veränderung. Seine Werke wirken zwar wie mit langen Strichen locker aufs Papier skizziert, doch gerade in ihrer rudimentären Form erweisen sie sich als erstaunlich beständig. Gibt's dazu einen Plan? Der Künstler blinzelt hinter den nassen Brillengläsern: «Wir haben einen Plan, aber wir benutzen ihn nicht. Jeden Morgen sehen wir, was getan werden muss. Im Wesentlichen ist dies hier eine Arbeit von Tag zu Tag.»
Was das genau heisst, erläutert Norio Takasugi, einer der Studierenden. Er weist auf die mindestens sieben Millimeter breiten Abstände zwischen den schnurgeraden Balken hin und auf die Präzision der leichten Kurve des Stegs. Kawamata steht jeden Tag selbst auf der Baustelle, legt die Bretter eigenhändig aus und lässt sie dann von den Studierenden zusägen und befestigen. Der Entwurf und die Ausführung entstanden in enger Zusammenarbeit mit dem Architekten Christophe Scheidegger, mit welchem er seit dreizehn Jahren Projekte in der Schweiz realisiert.

Brücke für die Menschen
Der Tisch aus losen Balken, an welchem sich das regennasse Grüppchen soeben erholt, ist Programm. Jede Baustelle wird mit dem Errichten einer rudimentären Treff-, Arbeits- und Verpflegungsstätte eröffnet. Kawamatas Truppe ist während der knapp zweiwöchigen Bauzeit auch eine Lebensgemeinschaft, die gemeinsam kocht, diskutiert und die Unterkunft teilt.
Bauten des Japaners funktionieren als Nahtstellen zwischen Natur und Kultur. In Zug zimmerte er längs des unscheinbaren Stadtbachs einen hölzernen Pfad, der nun beinahe beiläufig von der Altstadt ins Museum lenkt. Vor dem Hotel Castell in Zuoz errichtete er unter anderem eine auf Pfählen schwebende Terrasse, welche den massigen historischen Bau zum Tal hin öffnet und den Blick der Gäste in die Weite schweifen lässt. In Uster antwortet er mit dem «natürlich» geschwungenen Steg auf den künstlich gestauten und vormals industriell genutzten Zellwegerweiher sowie die geplanten kubischen Bauten. Die schwankende Brücke will die Spazierenden nicht nur über, sondern auch zum Wasser führen. Längs des Übergangs bietet zwar auf einer Seite eine niedrige Brüstung Sicherheit, auf der anderen jedoch wird der Steg zur flachen Rampe, die bis zur spiegelglatten Wasseroberfläche reicht. Damit schafft Kawamata, was wenigen gelingt: Er lässt einen Kulturbegriff konkret werden, der auf allgemein verbindlichen Werten beruht - er inszeniert Natur als sinnlichen Erfahrungsraum.

Schilf für die Enten
Der Zellwegerweiher ist Teil des vormals für die Öffentlichkeit gesperrten Industrieareals der Zellweger Uster AG. Zur Transformation des rund 125'000 Quadratmeter grossen Gebiets in ein neues Wohn- und Arbeitsquartier liegt seit 2007 ein privater Gestaltungsplan vor, bei welchem die unterschiedlichsten Faktoren - von Sicherheit, Nutzungsziffer, Grünraum bis hin zur Anflugsschneise der Enten - mitbedacht werden mussten. Dass der Steg dennoch Realität wurde, ist allen voran Ruedi und Thomas W. Bechtler von der Walter A. Bechtler-Stiftung zu verdanken, welche Kawamata eingeladen und das Künstlerhonorar übernommen haben. Die Materialkosten von CHF 200'000 gingen zu Lasten der Stadt, die sich, vertreten durch einen mutigen Stadtplaner, äusserst kooperativ zeigte. Nicht ohne Grund, denn Uster erhielt von der Zellweger Park AG das Herzstück des Areals, eine 35'000 Quadratmeter grosse Parkanlage, sowie 3,5 Millionen CHF für deren einmalige Sanierung und Umgestaltung. Das weitere Entwicklungskonzept sieht in einer ersten Etappe unter anderem Neubauten (140 Mietwohnungen von Gigon/Guyer sowie 50 Eigentumswohnungen von Morger & Dettli) vor. Aktuell arbeiten im Zellweger Park rund 650 Beschäftigte in teils denkmalgeschützten Bauten (so im Pavillon im Herterweiher von Roland Rohn von 1969).
Für die Kunst wird auch weiterhin die Walter A. Bechtler-Stiftung zuständig sein, die sich seit ihrer Gründung im Jahre 1955 für Kunst im öffentlichen Raum einsetzt. So wird der 1984 aus einer temporären Skulpturenausstellung im Merianpark angekaufte "White Cube" von Sol LeWitt nun nach zahlreichen gescheiterten Standortevaluationen in Zürich hier im Frühling 2011 neu errichtet. Weitere Werke wie ein gut getarnter "Moosfelsen" von Fischli/Weiss (2010) sowie eine Hügelgestaltung von Lutz/Guggisberg (2013) werden das neue Wohn- und Arbeitsquartier mehr oder weniger diskret beleben. Auch historische Referenzstücke wurden platziert: So die 1899 von Richard Kissling geschaffene imposante Mutter Helvetia, die einst im Schweizerischen Bankverein am Zürcher Paradeplatz posierte und später von Walter A. Bechtler vor der Verschrottung bewahrt wurde, oder auch die für das ehemalige Verwaltungsgebäude von Roland Rohn entworfenen Wandmosaiken von Victor Vasarely (1971).
Auch an Flora und Fauna wurde gedacht: Ein Grüppchen Orchideen wurde einzeln ausgegraben und ans gegenüberliegende Ufer verpflanzt, während die Enten neben dem neu angelegten Spazierweg vor den Hunden ins hohe Schilf flüchten können.



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Ausgabe 12  2010
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Tadashi Kawamata
Link http://www.zellweger-park.ch
Link http://www.tk-onthetable.com
Link http://www.tkcs.wordpress.com
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