Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
12.2010


 Ausgerechnet eine Ausstellung über die sieben Todsünden teilen das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee in einer ersten konkreten Zusammenarbeit brüderlich untereinander auf: Für "Lust und Laster" haben die Häuser mit vereinten Kräf­ten nach künstlerischen Ausformungen des Lasterhaften gesucht - und fast zu viele gefunden.


Lust und Laster - Zwei Häuser ziehen alle Sündenregister


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Alejandro Vidal · An Anatomy of Violent Crime, 2004, (Zorn), C-Print/Dibond, 125 x 185 cm, Courtesy Galería Joan Prats, Barcelona
rechts: Bruce Nauman · Vices and Virtues, 1983-1988/2008; Neon-Schrift (18-teilig), Ansicht Kunstmuseum Bern Courtesy Stuart Collection, University of California, San Diego. © 2010, ProLitteris. Foto: Markus Mühlheim


In der Fotoserie "An Anatomy of Violent Crime", 2004, des Spaniers Alejandro Vidal (*1972) drückt eine attraktive Frau einen Mann mit einer riesigen Pistole auf den Ladentresen, während nebenan Schweizer Sackmesser angepriesen werden. Selbst wenn die aufgebrachte Dame keine Knarre zur Hand hätte, würde sie wohl eher mit blossen Händen auf den Ladenbesitzer losgehen, als umständlich die Klinge eines Taschenmessers aufzuklappen. Nun hängt die Fotografie in der Ausstellung "Lust und Laster" im Kunstmuseum Bern, als Beispiel für eine zeitgenössische Illustration der Todsünde Ira, des Zorns - ausgerechnet im Herkunftsland der vielleicht unbeflecktesten aller Waffen also.
Wobei sich die Entstehung der Ausstellung, die sich der sieben Todsünden in der Kunst «von Dürer bis Nauman» annimmt, auch einem Zufall verdankt: «Am Anfang stand die praktische Notwendigkeit, ein Ausstellungsthema zu finden, das sich in einer Serie von Einzelschauen verwerten liess. Schnell wurde klar, dass man die sieben Todsünden nicht einzeln abhandeln konnte, dass eine entsprechende Schau aber gut auf zwei Häuser verteilt werden könnte», erinnert sich Claudine Metzger, welche die Ausstellung zusammen mit Samuel Vitali - beide vom Kunstmuseum - und Fabienne Eggelhöfer vom Zentrum Paul Klee kuratiert hat.

Sündige Haustiere
Nun sind im Kunstmuseum die Arbeiten zu den geistigen Sünden Superbia (Hochmut, Eitelkeit), Invidia (Neid), Ira (Zorn) und Avaritia (Geiz, Habgier) versammelt, während im Zentrum Paul Klee den körperlichen Lastern Luxuria (Wollust), Acedia (Trägheit) und Gula (Völlerei) gefrönt wird. Doch zuerst gilt es einen Prolog mit Zyklen zu den Todsünden zu durchqueren, der die verschiedenen Techniken der Verbilderung der Laster über die Jahrhunderte durchdekliniert. In den Holzschnitten von Hans Burgkmair des Älteren von 1510 gesellt sich je ein Tier zum entsprechenden Sünder - ein Pfau zur Hochmütigen, ein Löwe zum Zornigen - während Adriaen Brouwers Figuren 1625 die Sünden eher physiognomisch eingezeichnet erhielten.
Obwohl Peter Bräuninger noch 1990 in einer Serie von Radierungen die sieben Todsünden alle an derselben Strasse lokalisierte, wird schnell klar, dass die einebnende Verarbeitung der sieben Laster in Bildserien heute weniger zeitgemäss ist. «Uns interessiert es, wie sich die sieben Todsünden als Regelwerk, das das soziale Gefüge einer Gesellschaft zusammenhält, im Laufe der Zeit verändert haben. Die Stigmatisierung der Wollust war auch eine Strategie, der Problematik unehelicher Kinder vorzubeugen. Die Antibabypille entschärfte dieses Problem jedoch markant. Der Neid hingegen mag zwar eine der heute uncoolsten Todsünden sein, dennoch gibt es Ratgeber, die das produktive Potenzial von Neid fruchtbar machen wollen», fasst es Fabienne Eggelhöfer zusammen. Auch Geiz ist nach wie vor überhaupt nicht geil, aber manchmal fast eine Tugend, wenn es ums finanzielle Überleben geht. Doch zu viel wird auch hier schnell hässlich: Wie etwa in der Videoarbeit "Geld zu finden", 2003-2008, von Anna Witt, bei der das Publikum in einer modellhaften Wohnungseinrichtung nach Geld suchen durfte - und das Mobiliar kurzerhand auseinandernahm.

Die Todsünden des Ausstellungsmachens
Einiges weniger verkrampft mussten die Kuratoren für die Ausstellungsabschnitte zur Wollust und zur Völlerei suchen, beides Themen, für welche die Kunst seit jeher unzählige Illustrationen liefert. Von verschiedenen Darstellungen der biblischen Szene von Lot und seinen Töchtern - wo einmal nicht der Mann als Verführender auftritt, sondern die beiden Frauen - geht hier der rosarote Faden bis zum fast unvermeidlichen Jeff Koons in verfänglicher Stellung mit seiner Teilzeit-Gattin Cicciolina. Oder zur hochkomischen Installation "Die Fügung", 1999, von Reto Leibundgut, die nur steht, weil die Geschlechtsteile der Spanplatten-Menschen zu stabilisierenden Verbindungen werden. Im Kapitel Völlerei korrespondiert ein sich erbrechender Mann in einer Radierung von Jacques de Gheyn II von 1595 mit einer Frau, die im "Work No. 503" von Martin Creed in einen White Cube kotzt. Damit ist nicht nur Überkonsum angesprochen, sondern auch der verweigerte Konsum der Bulimie-Patientin.
Es sind aber auch diese beiden Kapitel, bei denen die grösste Gefahr besteht, den Todsünden des Ausstellungsmachens zu verfallen. Die Völlerei hätte wohl auch weniger vollgestopft noch dieselbe Aussagekraft gehabt. Hier hätte man sich vielleicht am Namensgeber des Hauses orientieren können: Paul Klees Kreidezeichnung "Fresser" von 1940 hat ein ganzes Städtchen im Maul und setzt so mit einfachsten Mitteln eine Pointe, für die Vincent Olinet eine riesige Torte aus Polystyren braucht.
Bei der Wollust wiederum besteht die Versuchung darin, gezielt den Voyeurismus der Besucher zu befriedigen. Hier zieht das Kuratorenteam den Kopf mit einem geschickten, aber auch gewagten Schachzug aus der Schlinge: Ein ganz an den Schluss gesetzter Ausstellungsteil widmet sich der detaillierten «kulturhistorischen Dokumentation» des Themas. Da hängt zum Beispiel eine Tafel mit diversen Titeln von Pornofilmen wie «Vegetarierinnen, zu Fleischeslust gezwungen». Einem kurzen Schmunzeln folgt die Erkenntnis, dass die Kreativität der Texter nicht ausreicht, um den Sachverhalt der Vergewaltigung zu relativieren. Genausowenig rettet es aber die Pornobilder von Jiri Georg Dokoupil, dass sie mit Kerzen gemalt wurden. Und Alejandro Vidals sexy Pistolenträgerin sieht zwar ganz anziehend aus - was in einem Videogame ja noch in Ordnung wäre -, überzeugt jedoch in einer Ausstellung schon weniger.
Daniel Morgenthaler (*1978), freischaffender Kunstjournalist, lebt in Zürich.

Bis: 20.02.2011



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 12  2010
Ausstellungen Lust und Laster [15.10.10-20.02.11]
Institutionen Kunstmuseum Bern [Bern/Schweiz]
Institutionen Zentrum Paul Klee [Bern/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Alejandro Vidal
Künstler/in Paul Klee
Künstler/in Martin Parr
Künstler/in Jiri Georg Dokoupil
Künstler/in Reto Leibundgut
Künstler/in Jeff Koons
Künstler/in Hans Burgkmair
Künstler/in Peter Bräuninger
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=101214132033V69-3
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.