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Fokus
12.2010


 Bisweilen als Zwangsverordnung verschrieen, erweisen sich die Weihnachts- oder Jahresausstellungen andrerseits immer wieder als produktives Korsett, das eine Fülle von anregenden Kooperations- und Ausstellungs-Modellen provoziert. Die Institu­tionen müssen sich mit regionalem Kunstschaffen, mit Jurys und anderen Häusern auseinandersetzen.


Weihnachtsausstellungen - Alle Jahre wieder


von: Brita Polzer

  
Kunsthalle Basel 2008/09. Anlässlich der Regionale 9 hatten die Kunsthalle Basel und der Ausstellungsraum Klingenthal die Räume getauscht. In der Kunsthalle wurden in Form einer Petersburger Hängung sämtliche Refusées gezeigt.


Einzig der trinationalen Metropolitanregion Basel wird die Bereitschaft attestiert, sich über den vorherrschenden «räumlichen Klassenkampf» hinwegzusetzen. Hier sei, so die Architekten Jacques Herzog und Marcel Meili in "Die Schweiz. Ein städtebauliches Portait", erfreulicherweise nicht das spezifische Antiurbanitätsmolekül vorhanden, das die übrigen Städte und Gemeinden der Schweiz auf ihrer entwicklungshemmenden Autonomie beharren lasse.
Die "Regionale" bestätigt den kritischen Befund der Anti-Autonomisten. Seit zehn Jahren bewältigen unter diesem Label Institutionen aus dem Dreiländereck grenzüberschreitend das aufwändige Prozedere der Jahresausstellungen.

Kooperationen, die das Gehäuse sprengen
Das heisst: Jedes Jahr von Neuem sitzen kleine und grosse Häuser an einem Tisch und managen die eingereichten Dossiermengen. Jede Institution sucht sich die für sie passenden Positionen aus, was häufig mit regelrechtem Feilschen um die Favoriten verbunden ist, denn die Künstler/innen sollten möglichst nur an einem Ort gezeigt werden. Nach langer erfolgreicher Kooperation wurden aktuell die Regeln ein wenig gelockert. Die Institutionen durften unabhängig von den Bewerbungen Künstler/innen einladen.
Auch im Kanton Bern will man sich fürderhin zwar nicht transnational, aber übergreifend kantonal organisieren. Tatsächlich gibt es im Kanton sieben Institutionen, die Jahresausstellungen ausrichten. Allerdings ist teilweise kaum genügend künstlerische Qualität vorhanden, um die Räume zu füllen. «Wenn die Weihnachtsausstellungen nicht aussterben sollen, dann muss man sich gemeinsam organisieren», sagt Fanni Fetzer vom Kunsthaus Langenthal, die mit Helen Hirsch vom Kunsthaus Thun und den Vertretern/-innen verschiedener Institutionen ab 2011 ein umfassendes Modell nach dem Vorbild der "Regionale" aufbauen will. Interessanterweise kam die Zusammenarbeit der Häuser aufgrund einer Vorgabe der Politik zustande. Vor dem Hintergrund des neuen Zentrums Paul Klee und der begrenzten finanziellen Ressourcen wurde den Institutionen nahegelegt, die Situation in Absprache miteinander zu überdenken. Nun finden regelmässige Treffen statt, man produziert eine gemeinsame Broschüre und versucht, für die Jahresausstellungen das bestmögliche Modell auszuarbeiten.
Die alljährliche Zuwendung zur regionalen Kunst ist vielfach im Leistungsauftrag der Institutionen verankert. Dafür setzten sich früh die überwiegend von Künstler/innen gegründeten Vereine ein. Sinn und Zweck dieser Konvention besteht aber kei neswegs nur in der eigentlichen Ausstellung, sondern darüber hinaus in verschiedenen identitätsstiftenden Prozessen. So trägt die regelmässige Schau entscheidend zur Stärkung der Vereine bei, indem sie deren Aktivität und (Neu-)Besinnung herausfordert. Jahresausstellungen initiieren zudem Kommunikation. Durch die Jurierungen werden schweizweit Netzwerke hergestellt, Politiker/innen nutzen die regionale Schau gern zum Standortmarketing und die diversen Preisvergaben fördern den Austausch der Public Private Partnership.

Den Fokus aufs Eigene richten
Innovative Modelle entstehen aber nicht nur häuser- und regionenübergreifend, auch einzelnen Standorten gelingt es immer wieder, neue Ideen zu realisieren. So überlässt es der Kunstverein Biel seinen Mitgliedern, die teilnehmenden Künstler/innen auszusuchen und dies geschah für die aktuelle Ausstellung im Centre PasquArt per Internet, mittels dem die Künstler/innen ihre Dossiers einzugeben hatten. Aus dem «Elektronikzwang» ergab sich ein Professionalisierungsschub - nicht seltener Nebeneffekt der Jahresausstellungen. In Glarus findet - fast schon ein Relikt - erneut eine unjurierte Ausstellung statt, diesmal mit den Namen von R bis Z. 2011 wird das Buchstabenprozedere dann für einmal unterbrochen und eine thematische Schau ausgerichtet, welche die Künstler/innen zur Auseinandersetzung mit regionaler Geschichte veranlassen soll, dem grossen Brand von 1861.
In Langenthal konnte der dem Kunsthaus angegliederte Verein im letzten Jahr beträchtlichen Zuwachs verzeichnen. Grund dafür war der Tatbestand, dass sich alle Vereinsmiglieder zur Teilnahme an der Jahresausstellung bewerben konnten und das -
entgegen den sonstigen Usanzen - unabhängig vom Wohnsitz. Allerdings führte dieses Vorgehen zu Protesten seitens der lokalen Künstlerschaft, bzw. der Kulturkommission, da man sich nicht mehr genügend repräsentiert sah.
Was macht die Qualität von (regionaler) Kunst aus, welche Jury-Zusammensetzung macht Sinn, wie lässt sich die Politik integrieren - mit solch vielfältigen Fragen müssen sich die Jahresausstellungen auseinandersetzen. Wenig produktiv sind Künstler/innen, die bisweilen dazu neigen, in durchaus auch unangenehmer Weise ihr Ausstellungsrecht einzufordern - obwohl sie selbst die Plattform, die sie so dringlich zu bespielen gedenken, während des Jahres kaum beachten. In einer der vielen anregenden Diskussionsveranstaltungen des Café des Arts in der Kunsthalle Winterthur sagte Kathleen Bühler, Kuratorin am Kunstmuseum Bern: «Es ist wie mit allem, wenn man will, dass die regionale Landwirtschaft funktioniert, muss man halt auf regionalen Märkten kaufen.» Will heissen: Wer sich ein qualifiziertes regionales Klima erhofft, sollte entsprechend handeln und alte Zöpfe neu verflechten.


Eine Auswahl von Jahresaustellungen
- Aarau: "Auswahl 10", Kombination von Jahres- und Stipendienausstellung, zusammen mit dem Aargauer Kuratorium, Aargauer Kunsthaus, 4.12.-9.1.
-Biel/Bienne: 40 von Vereinsmitgliedern ausgewählte Werke, CentrePasquArt, 5.12. - 2.1.
- Glarus: "Kunstschaffende Glarus und Linthgebiet R-Z", Kunsthaus, 5.12.–16.1
- Chur: "Director's choice", Bündner Kunstmuseum, 11.12.-30. 1.
- Luzern: persönliche Auswahl von neun Kurator/innen der Zentralschweiz, Kunstmuseum, 11.12.-6.2.
- Rapperswil: "Kunstmarkt", Sonderprojekt der Gebert Stiftung für Kultur, Kunstschaffende präsen­tieren Werke unter CHF 2'010, Alte Fabrik, 26.11.-3.12.
- Solothurn: "26.Kantonale Jahresausstellung", ausgerichtet vom Kunstverein, Kunstmuseum, 26.11.-2.1.
- Winterthur: Dezemberausstellung der Künstlergruppe, kuratiert von Kathleen Bühler und Guido Magnaguagno, Kunsthalle, Kunsträume oxyd, Atelier Alexander, 4.12.-9.1.
- Zürich: "Wenn die Nacht am dunkelsten ist, kommt der Tag", kuratiert von Simon Maurer und Michael Hiltbrunner, Helmhaus, 3.12.-23.1.

Regionale 11
15 Institutionen, 28.11. -2.1., organisierte Bustouren, 5.12., 12.12., 19.12.
- Basel: "The Village Cry", in Referenz auf die Ende der Siebzigerjahre in Basel produzierte Zeitschrift, kuratiert von Roos Goortzak und Adam Szyzmczyk, Kunsthalle; 8.12. Roundtablegespräch mit Erich Hattan, Renée Levi, Dan Solbach, Thomas Geiger
- Muttenz: Gegenüberstellung von etablierteren Künstler/innen wie C+J Müller, Ruth Himmelsbach, Silvia Bächli mit jüngeren, Kunsthaus Baselland
- Freiburg: "Time and Motion Study", vor dem Hintergrund der gleichnamigen Kompositionen von Brian Ferneyhough aus den Siebzigerjahren, Kunstverein
- Liestal: "Eine schöne Ausstellung", Präsentation eines weiblichen Blicks, kuratiert von: Andrea Domesle und Studentinnen des Kunsthistorischen Seminars Basel, Palazzo



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Ausgabe 12  2010
Autor/in Brita Polzer
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