Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
12.2010


Michael Hauffen :  Das mehrschichtige Projekt fragt nach den Ursprüngen des globalen Kapitalismus anhand einer Reihe von Original-Gemälden, die in Lateinamerika mit dem ersten kulturellen Schub der europäischen Eroberer entstanden sind. Zusammen mit anderen Exponaten werden sie einer intensiven Lektüre unterzogen.


Berlin : Das Potosí-Prinzip


  
Inés Doujak, Witches · Installationsansicht Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid, 2010. Foto: Joaquín Cortés / Román Lores


Die Silber-Stadt Potosí spielt die Schlüsselrolle eines frühen Brennpunkts der Kolonialmacht, für welche die Ausbeutung der Edelmetallvorkommen Priorität hatte. Und erst dieser Zustrom an Kaufkraft versetzte die europäische Ökonomie in die Lage, jene wirtschaftliche Dynamik zu entfalten, die als Basis für Finanzkapital und Industrialisierung bis heute anhält.
Ohne brutale Ausbeutung der Indios wäre dies nicht möglich gewesen. Diese repressive Ordnung dokumentieren die historischen Gemälde anhand detaillierter Darstellungen des Alltags von Potosí oder übersetzen sie in eine christlich geprägte Symbolsprache mit ungewöhnlicher Ausdruckskraft.
Die Frage nach dem darin wirksamen Menschenbild richtet sich von hier aus auch an die Kultur der Gegenwart, wobei die Kurator/innen und die von ihnen eingeladenen Kunstschaffenden konsequenterweise das heutige Kunstsystem und seine Institutionen mit in den Fokus nehmen.
Letztlich werden somit die Rezipierenden der Ausstellung mit ihrer eigenen Mitwirkung an einer fortdauernden Beschönigung und Verschleierung von schlechten gesellschaftlichen Verhältnissen konfrontiert. Die faszinierenden Exponate und die erhellenden Erläuterungen dazu können also nicht umstandslos genossen oder als attraktiver Bildungsstoff verbucht werden. Die beteiligten zeitgenössischen Künstler/innen setzen denn auch ihre künstlerische Arbeit teilweise ausserhalb der Kunst als politisches Engagement fort und bringen es wieder in sie ein: in Form dokumentarischer Displays, die in der Ausstellung einen breiten Raum einnehmen. Heutige globale Brennpunkte ökonomisch begründeter Ausbeutung, wie China mit seinen Wanderarbeitern oder Dubai mit seinen übersteigerten kulturellen Ambitionen, werden dabei ebenso thematisiert wie die aktuelle Lage in Argentinien, das seine allgemeine Lebensqualität zunehmend der Sojaproduktion opfert.
Die intellektuelle Herausforderung, die darin besteht, das Puzzle aus verschiedenen Exponaten, Zeiten, Regionen und Konflikten zu einem sinnvollen Gedanken zusammenzusetzen, wird durch eine ausführliche «Gebrauchsanweisung» zur Ausstellung unterstützt, die wie ein Reiseführer auf verschlungenen Pfaden von Exponat zu Exponat führt. Allerdings ist zu bezweifeln, ob von diesem Angebot viel Gebrauch gemacht werden wird, da eine angemessene Rezeption ohne erheblichen zeitlichen Aufwand nicht zu leisten sein dürfte.

Bis: 02.01.2011



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 12  2010
Ausstellungen Das Potosi-Prinzip [07.10.10-02.01.11]
Institutionen Haus der Kulturen der Welt [Berlin/Deutschland]
Autor/in Michael Hauffen
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=101214150622OLQ-10
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.